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Uris Tagebuch

9.10.2003
 

Ich las Broders Brief an Gerhard Schröder aus dem Spiegel. Brillant wie immer, geschrieben von einem Mann, der sich nicht schämt Jude zu sein. Er sorgt sich nicht um den Verlauf des famosen Sicherheitszauns oder die Preisverleihung an Berlusconi, sondern um das Überleben des jüdischen Staates und seiner Bürger. Bin ich froh, dass es noch Juden mit Rückgrat gibt. Wenigstens er hat Prioritäten, die den Realitäten entsprechen. Die Art seines Briefes ist nicht neu, sie wurde auch schon von Thomas Friedman und anderen benutzt. Die auf Broders Brief hin eingegangenen Leserbriefes geben leider mehrheitlich in peinlicher Weise kund, dass seine Botschaft nicht verstanden werden will. Wieder wird Scharon vorgeschoben und für alles verantwortlich gemacht, die toten Juden und die toten Palästinenser. Wenn wir den Scharon nicht hätten, dann müssten die Leute ja direkt auf Israel und seinen Juden herumhacken - da wäre der Antisemitismus doch zu offensichtlich. Das Opfer, Israel, wird zum Täter gestempelt, weil es sich gegen arabischen Terror wehrt, der nicht etwa drei Jahre alt, wie die Intifada 2 ist, sondern viele Jahrzehnte älter, doppelt so alt wie der jüdische Staat. Das zweite arabische Talent der heutigen Tage, geniale Manipulation der internationalen öffentlichen Meinung (das erste Talent ist Terror und Mord), wird offensichtlich in Europa äusserst erfolgreich angewendet. Immer wieder versuche ich mir vorzustellen, wie Rabin. s.A., heute gehandelt hätte. Wenig anders als Scharon, denke ich.

Da Broder lange in Israel lebte und Israelis aller Arten und Abarten in seinem herrlichen Buch "Die Irren von Zion" beschrieb, liegt es Schwarz auf Weiss vor, dass er weiss von was er schreibt, trotzdem nicht mit Kritik zurückhält, trotz allem die Übersicht nicht verliert oder gar glaubt sich für irgendwelche Entscheidungen der israelischen Regierung, gute oder weniger gute, rechtfertigen zu müssen. Sogar, wenn er schon seit Jahren nicht mehr in Israel wohnt.

Zur Zeit lese ich Bernard Lewis neues Buch "What went wrong?" (es ist soeben auch in Deutsch erschienen, als "Der Untergang des Morgenlandes") und bin fleissig mit meinem Bleistift daran, Aussagen zu markieren, die ich später zusammenfassen will. Lewis, wohl bedeutendster Islamwissenschafter unserer Zeit, behandelt auf rund zweihundert Seiten den Absturz der islamischen Gesellschaft - von der weltweit führenden Zivilisation in den heutigen Zustand der gesellschaftlichen Regression, der Armut, Ignoranz, fehlender Kreativität, des Hasses und religiösen Fanatismus und vor allem der Weigerung, für sich selbst Verantwortung zu übernehmen. Lewis fasst, so scheint mir, viele seiner bisherigen umfangreichen Werke und Erkenntnisse in diesem schmalen Band zusammen und macht sie so leichter zu verstehen. Er ist, so scheint mir, als Islamwissenschafter zu ähnlichen Schlüssen wie der Politikwissenschafter Samuel Huntington gelangt.

 


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Paul Uri Russak, 66, gebürtiger Schweizer, schreibt sein vor allem an jüdische und christliche Freunde gerichtetes Tagebuch seit September 2000. Er wohnt im Weindorf Zichron Ya'akov am südlichen Ende des Carmelberges, nahe am Meer. Uri ist gelernter Verlagsbuchhändler, heute pensioniert.
Wie vielen Israelis aus dem politisch linken Spektrum hat sich seine Einstellung durch die Realität der Ereignisse der letzten drei Jahre etwas nach rechts verschoben, auch wenn sie sich noch immer links der Mitte befindet. Uri betätigt sich heute als Publizist in deutscher und englischer Sprache und setzt sich aktiv für die Verbesserung des zwischenmenschlichen und politischen Verhältnisses zwischen jüdischen und arabischen Bürgern Israels ein.