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Vor wenigen Tagen sass ich zusammen mit drei meiner
drusischen Brüder der Holocaust Gruppe und mit Adam Teller im zwei Jahre
alten Zentrum für humanistische Erziehung. Dieses Zentrum gehört zum
Holocaustmuseum des Kibbuz Lochamei HaGettaot (Ghettokämpfer) in der Nähe
Akkos. Vor über vierzig Jahren war ich dort zum ersten Mal. In diesem
neuen Zentrum arbeiten Juden, Christen, Moslem und andere israelische
Menschen zusammen und versuchen mit dem Thema Holocaust als Ausgangspunkt
Toleranz, Respekt und Gleichberechtigung für alle zu lehren. Zielgruppen
sind auf der einen Seite Schüler ab der 10. Klasse und auf der anderen
Seite Lehrer und Jugendleiter, von denen erwartet wird, die Philosophie
des Zentrums weiter zu vermitteln.
Mit uns sassen die Leiterin des Zentrum, Raja Kalisman, der Hauptreferent
Salem Joubran und junge Mitarbeiter verschiedener Religionsrichtungen. Dem
hübschesten Mädchen hing ein goldenes Kreuz am Hals. Alle nahmen an der
Diskussion teil, an der es darum ging, herauszufinden, wie das Zentrum der
Drusengruppe helfen kann und ob eine gegenseitige Kooperation möglich wäre.
Ich denke, dass dies der Fall ist, doch will ich (noch) nicht über
Einzelheiten berichten.
Raja Kalisman arbeitete bis zur Eröffnung des Zentrum am Holocaustmuseum
in Washington D.C. Sie scheint eine energische Führungshand zu haben und
ihr Interesse ist offensichtlich nicht auf den Holocaust beschränkt,
sondern auf die Verbreitung der Lehren, die aus dieser grössten jüdischen
Katastrophe gezogen werden. Speziellen Eindruck hinterliess mir Salem
Joubran. Er lebt in Sakhnin, der arabisch-israelischen Aktivistenstadt in
Westgaliläa mit dem nun berühmten Fussballklub (er wird am UEFA-Cup
teilnehmen) und gibt dort eine arabische Zeitung heraus. Er bildet im
Zentrum vor allem arabische sprechende Lehrer und Lehrerinnen aus und
benützt den Holocaust als Ausgangspunkt seiner Botschaft. Er findet, dass
Juden, die den Holocaust überlebt hätten und in der heutigen Zeit für das
Elend anderer Menschen kein Verständnis fänden, aus dem Horror des Zweiten
Weltkrieges nichts gelernt hätten. Es ist ihm wichtig nicht nur ein mehr
oder weniger reibungsfreies Zusammenleben zu vermitteln, sondern auch die
Seele eines jeden, für den Schmerz des „Anderen“ empfänglich zu machen.
Nirgends ist so klar zu erkennen, was Menschen anderen Menschen anzutun in
der Lage sind – ein „nie wieder“ ist der einzige Schluss, der daraus zu
ziehen ist.
Das Zentrum wolle aus seiner humanistischen Anschauung eigenständiges
Denken und Tun vermitteln und steht gegen Hass und Nationalismus. Stets
stehe ein arabischer und ein jüdischer Lehrer zusammen vor der Klasse. Das
sei wichtiger als sich darüber zu streiten, in welcher Sprache der
Unterricht durchgeführt werde. Joubran ist ein kleingewachsener Mann, der
Energie ausstrahlt. Er spricht schnell, aber gut verständlich und meint,
was er sagt, ganz offensichtlich ernst. Programme wie dieses Zentrum sie
anbietet, gibt es auch bei anderen Organisationen, doch scheint mir hier
ein sehr persönlicher Stil gepflegt zu werden, in dem jeder Teilnehmer
individuell angesprochen und einbezogen wird.
Heute früh fuhr ich zur Post um einen Brief aufzugeben und konnte nachher
nicht mehr nach Hause fahren. Einige hundert Meter vor unserem Quartier
wurde ich von einem Kollegen der Freiwilligenpolizei rüde angehalten. Er
schwatzte an der Strassenseite mit einem anderen Autofahrer und als ich
ihn umfahren wollte, sprang er mir vor den Wagen. „Keinen Meter darfst Du
weiterfahren“, schrie er mich an. Auf meine Frage, was denn los sei,
schrie er weiter, das gehe mich nichts an, denn wenn ich von einem
Polizisten zu irgend etwas aufgefordert werde, hätte ich das ohne Frage zu
stellen sofort zu befolgen. Zudem wolle er mir eine Busse geben, denn ich
hätte ihn überfahren wollen. Andere Autofahrer wurden ebenfalls in diesem
Stil behandelt. Erst nach längerem gegenseitigen Anschreien fand ich
heraus, dass ein nicht identifiziertes gefährlich aussehendes Objekt
gefunden worden sei und Bombenspezialisten sich gerade damit beschäftigen
würden. Wir schüttelten unsere Köpfe und fuhren zurück ins Stadtzentrum.
Erst ging ich in meinen Polizeiposten um herauszufinden, mit welchem
Idioten wir es zu tun gehabt hätten. Daniel heisst er - ich legte dem
Postenchef ans Herz, ihn nicht mehr auf die Steuerzahler unserer Stadt
loszulassen. Reden statt schreien, sei vorzuziehen. Daniel scheint einen
Machtfimmel zu haben, vielleicht hat er Mühe mit seiner Frau und
kompensiert das im Polizeidienst in seinem gelben Gilet. Solche Erlebnisse
sind gut für den Blutdruck. Ich bin stolz auf meine Mitbürger, ausser mir
schrie keiner zurück, alle schüttelten nur die Köpfe und lächelten.
Danach verbrachte ich fast eine Stunde in einem vor kurzem eröffneten
Kaffeehaus. Dort sass ich mit zwei jungen Frauen an der Kaffeebar und
erklärte ihnen die verschiedenen Liköre und Schnäpse, die auf der Bar
standen, doch da auf Italienisch oder Englisch angeschrieben, von nur
Hebräisch sprechenden nicht identifizierbar waren. Ich wusste gar nicht,
dass ich über Alkoholika so gut beschlagen bin. Einzig den
Wachholderbeerenlikör konnte ich nicht erklären, ich kenne das hebräische
Wort für diese Frucht nicht (Gin war es nicht).
Als letztes eine interessante Information aus der Presse. Unsere Nachbarn,
die Palästinenser, sehen die israelische Demokratie als die beste aller
Demokratien, besser als die USA, Frankreich und Deutschland. Dies gemäss
einer Umfrage des palästinensischen Zentrums für politische Umfragen in
Ramallah, vorgestellt am 3. Juni durch den Direktor des Institutes, Dr.
Khalil Shikaki, an einem Workshop des israelischen Demokratie Instituts in
Jerusalem. Das sei schon seit Jahren so, Israels Demokratie werde als
Modell für den kommenden palästinensischen Staat angesehen. Wenn das so
ist, warum streiten wir zwei Völker uns so sehr und hauen uns die Nasen
blutig? Wie ich immer wieder lese, führen Demokratien gegeneinander
grundsätzlich keinen Krieg – Israel und die Palästinenser haben
offensichtlich noch viel zu lernen. Israel ist zwar eine sehr lebendige
Demokratie und Palästina will erst noch eine werden – aber Wille zur
friedlichen Koexistenz ist von beiden verlangt. |