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Uris Tagebuch


7.6.2004 - Holocaust und gegenseitiger Respekt

Vor wenigen Tagen sass ich zusammen mit drei meiner drusischen Brüder der Holocaust Gruppe und mit Adam Teller im zwei Jahre alten Zentrum für humanistische Erziehung. Dieses Zentrum gehört zum Holocaustmuseum des Kibbuz Lochamei HaGettaot (Ghettokämpfer) in der Nähe Akkos. Vor über vierzig Jahren war ich dort zum ersten Mal. In diesem neuen Zentrum arbeiten Juden, Christen, Moslem und andere israelische Menschen zusammen und versuchen mit dem Thema Holocaust als Ausgangspunkt Toleranz, Respekt und Gleichberechtigung für alle zu lehren. Zielgruppen sind auf der einen Seite Schüler ab der 10. Klasse und auf der anderen Seite Lehrer und Jugendleiter, von denen erwartet wird, die Philosophie des Zentrums weiter zu vermitteln.
Mit uns sassen die Leiterin des Zentrum, Raja Kalisman, der Hauptreferent Salem Joubran und junge Mitarbeiter verschiedener Religionsrichtungen. Dem hübschesten Mädchen hing ein goldenes Kreuz am Hals. Alle nahmen an der Diskussion teil, an der es darum ging, herauszufinden, wie das Zentrum der Drusengruppe helfen kann und ob eine gegenseitige Kooperation möglich wäre. Ich denke, dass dies der Fall ist, doch will ich (noch) nicht über Einzelheiten berichten.
Raja Kalisman arbeitete bis zur Eröffnung des Zentrum am Holocaustmuseum in Washington D.C. Sie scheint eine energische Führungshand zu haben und ihr Interesse ist offensichtlich nicht auf den Holocaust beschränkt, sondern auf die Verbreitung der Lehren, die aus dieser grössten jüdischen Katastrophe gezogen werden. Speziellen Eindruck hinterliess mir Salem Joubran. Er lebt in Sakhnin, der arabisch-israelischen Aktivistenstadt in Westgaliläa mit dem nun berühmten Fussballklub (er wird am UEFA-Cup teilnehmen) und gibt dort eine arabische Zeitung heraus. Er bildet im Zentrum vor allem arabische sprechende Lehrer und Lehrerinnen aus und benützt den Holocaust als Ausgangspunkt seiner Botschaft. Er findet, dass Juden, die den Holocaust überlebt hätten und in der heutigen Zeit für das Elend anderer Menschen kein Verständnis fänden, aus dem Horror des Zweiten Weltkrieges nichts gelernt hätten. Es ist ihm wichtig nicht nur ein mehr oder weniger reibungsfreies Zusammenleben zu vermitteln, sondern auch die Seele eines jeden, für den Schmerz des „Anderen“ empfänglich zu machen. Nirgends ist so klar zu erkennen, was Menschen anderen Menschen anzutun in der Lage sind – ein „nie wieder“ ist der einzige Schluss, der daraus zu ziehen ist.
Das Zentrum wolle aus seiner humanistischen Anschauung eigenständiges Denken und Tun vermitteln und steht gegen Hass und Nationalismus. Stets stehe ein arabischer und ein jüdischer Lehrer zusammen vor der Klasse. Das sei wichtiger als sich darüber zu streiten, in welcher Sprache der Unterricht durchgeführt werde. Joubran ist ein kleingewachsener Mann, der Energie ausstrahlt. Er spricht schnell, aber gut verständlich und meint, was er sagt, ganz offensichtlich ernst. Programme wie dieses Zentrum sie anbietet, gibt es auch bei anderen Organisationen, doch scheint mir hier ein sehr persönlicher Stil gepflegt zu werden, in dem jeder Teilnehmer individuell angesprochen und einbezogen wird.
Heute früh fuhr ich zur Post um einen Brief aufzugeben und konnte nachher nicht mehr nach Hause fahren. Einige hundert Meter vor unserem Quartier wurde ich von einem Kollegen der Freiwilligenpolizei rüde angehalten. Er schwatzte an der Strassenseite mit einem anderen Autofahrer und als ich ihn umfahren wollte, sprang er mir vor den Wagen. „Keinen Meter darfst Du weiterfahren“, schrie er mich an. Auf meine Frage, was denn los sei, schrie er weiter, das gehe mich nichts an, denn wenn ich von einem Polizisten zu irgend etwas aufgefordert werde, hätte ich das ohne Frage zu stellen sofort zu befolgen. Zudem wolle er mir eine Busse geben, denn ich hätte ihn überfahren wollen. Andere Autofahrer wurden ebenfalls in diesem Stil behandelt. Erst nach längerem gegenseitigen Anschreien fand ich heraus, dass ein nicht identifiziertes gefährlich aussehendes Objekt gefunden worden sei und Bombenspezialisten sich gerade damit beschäftigen würden. Wir schüttelten unsere Köpfe und fuhren zurück ins Stadtzentrum. Erst ging ich in meinen Polizeiposten um herauszufinden, mit welchem Idioten wir es zu tun gehabt hätten. Daniel heisst er - ich legte dem Postenchef ans Herz, ihn nicht mehr auf die Steuerzahler unserer Stadt loszulassen. Reden statt schreien, sei vorzuziehen. Daniel scheint einen Machtfimmel zu haben, vielleicht hat er Mühe mit seiner Frau und kompensiert das im Polizeidienst in seinem gelben Gilet. Solche Erlebnisse sind gut für den Blutdruck. Ich bin stolz auf meine Mitbürger, ausser mir schrie keiner zurück, alle schüttelten nur die Köpfe und lächelten.
Danach verbrachte ich fast eine Stunde in einem vor kurzem eröffneten Kaffeehaus. Dort sass ich mit zwei jungen Frauen an der Kaffeebar und erklärte ihnen die verschiedenen Liköre und Schnäpse, die auf der Bar standen, doch da auf Italienisch oder Englisch angeschrieben, von nur Hebräisch sprechenden nicht identifizierbar waren. Ich wusste gar nicht, dass ich über Alkoholika so gut beschlagen bin. Einzig den Wachholderbeerenlikör konnte ich nicht erklären, ich kenne das hebräische Wort für diese Frucht nicht (Gin war es nicht).
Als letztes eine interessante Information aus der Presse. Unsere Nachbarn, die Palästinenser, sehen die israelische Demokratie als die beste aller Demokratien, besser als die USA, Frankreich und Deutschland. Dies gemäss einer Umfrage des palästinensischen Zentrums für politische Umfragen in Ramallah, vorgestellt am 3. Juni durch den Direktor des Institutes, Dr. Khalil Shikaki, an einem Workshop des israelischen Demokratie Instituts in Jerusalem. Das sei schon seit Jahren so, Israels Demokratie werde als Modell für den kommenden palästinensischen Staat angesehen. Wenn das so ist, warum streiten wir zwei Völker uns so sehr und hauen uns die Nasen blutig? Wie ich immer wieder lese, führen Demokratien gegeneinander grundsätzlich keinen Krieg – Israel und die Palästinenser haben offensichtlich noch viel zu lernen. Israel ist zwar eine sehr lebendige Demokratie und Palästina will erst noch eine werden – aber Wille zur friedlichen Koexistenz ist von beiden verlangt.


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Paul Uri Russak, 66, gebürtiger Schweizer, schreibt sein vor allem an jüdische und christliche Freunde gerichtetes Tagebuch seit September 2000. Er wohnt im Weindorf Zichron Ya'akov am südlichen Ende des Carmelberges, nahe am Meer. Uri ist gelernter Verlagsbuchhändler, heute pensioniert.
Wie vielen Israelis aus dem politisch linken Spektrum hat sich seine Einstellung durch die Realität der Ereignisse der letzten drei Jahre etwas nach rechts verschoben, auch wenn sie sich noch immer links der Mitte befindet. Uri betätigt sich heute als Publizist in deutscher und englischer Sprache und setzt sich aktiv für die Verbesserung des zwischenmenschlichen und politischen Verhältnisses zwischen jüdischen und arabischen Bürgern Israels ein.


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