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Uris Tagebuch


7.5.2004 – arabisch-jüdische Kultur-Kooperationen in Israel


In seinem gerade erschienen Editorial im Tachles schreibt Jacques Ungar über die moralische Gleichsetzung des fünffachen Kinder- und Muttermordes im Gazastreifen zu israelischen Verteidigungs- und Vergeltungsaktionen gegen seine Feinde. Mehr zu schreiben als als Jacques überflüssig. Die Apologeten, besonders von jüdischer Seite, haben wieder einmal Gelegenheit für die Blutrunst der ach so armen Gazastreifler und anderer Palästinenser Verständnis zu zeigen und für israelische Abwehr- und Vergeltungsmassnahmen Horror zu demonstrieren. Jacques Ungar, über das Verhalten jüdischer Schweizer Prominenz wie ich leicht frustriert, kann noch so eloquent die arabische Barbarei erklären (es soll sogar noch schlimmer gewesen sein, wie mir ein verschwägerter Fernsehreporter erzählte, die Killer hätten die Kinder regelrecht aus allernächster Nähe in Stücke zerschossen, Stücke, die von der Zaka einzeln eingesammelt werden mussten), kommentieren und belegen, aber vor allem reagieren Frank A. Meyer und andere mutige Männer, allesamt Nichtjuden – und kein Schweizer Jude schämt sich (wenigstens nicht öffentlich) darüber. Statt dessen wird von jüdisch-schweizerischen Apologeten zur Unterstützung des Terrors palästinensischer Honig verkauft und selbstverliebten Judenhassern und selbsthassenden Juden eine Bühne zur Ausübung persönlicher Seelenhygiene geboten, während als Alibi der „Ausgewogenheit“ diskret ein Treffen mit dem israelischen Botschafter, ein wenig besuchter Abend, offeriert worden war.
Genug davon, lasset uns nicht beten sondern anderes berichten. Mittwoch Abend verbrachten Lea, Adam und Margaret Teller und ich bei der drusischen Familie von Hani und Siham Hasisi zum Znacht. Und natürlich zu ausschweifenden Diskussionen über die geplanten Holocaust- Erklärungsaktivitäten der „Olivenbaum“ Vereins. Hanis Brüder Malek, der Airlinepilot und Badi, der Doktorand (er ist im Endspurt) kamen auch dazu. Das Wichtigste zuerst: das Essen war fabelhaft, orientalisch-drusisches vom Besten und viel zu viel davon. Auch eine Weinflasche stand auf dem Tisch, wir stiessen an und riefen uns „Le’Chaim“ zu.
„Olivenbaum“ hat schon mit vielen Menschen gesprochen, unsere Köpfe rauchen mit Plänen, wir haben Unterstützung namhafter Politiker – trotzdem hat noch keine Aktivität stattgefunden. Vielleicht hat die Zusammenkunft mit Adam, dessen Spezialgebiet die jüdische Geschichte Polens ist und der aus dem Stegreif stundenlang über das Thema referieren kann einen auslösenden Einfluss.
Ich helfe in zwei Organisationen mit, die aus nichtjüdischer Initiative entstanden sind tätig. Die eine ist Said Abu-Shakras fabelhafte Kunstgalerie, die erfolgreich moderne Kunst als verbindendes Medium zur Versöhnung und zum Zusammenleben in gegenseitigem Respekt zwischen Juden Arabern in Israel einsetzt und eine die dazu gehörende Kinderkunstschule, mit der Said arabische Kinder von der Strasse wegholt und damit dem Einfluss
von Kriminalität, Drogen und extremistischer Religion entzieht. Die zweite Organisation ist der drusische Holocaustverein „Olivenbaum“, der den Arabern in Israel und später auch den Arabern über der Grenze das jüdische Schicksal, Hintergründe und Auswirkungen des Holocausts vermitteln soll, damit sie uns Juden verstehen und unser Verhalten nachzuvollziehen lernen und nicht ihre eigene „Nakba“ mit dem Holocaust relativieren oder leugnen, was gemäss Hani heute bei 80% der israelischen Araber der Fall ist.
Den Drusen ist klar, was sie wollen, doch das Wie wird doch immer diskutiert und sie kommen, trotz Stossen und Drängen meinerseits, nicht vom Fleck. Wie viele Orientale reden sie gerne, viel und in blumigen Höhenflügen, haben Ideen, dass es nur so kracht, doch wenn es ums Ausführen geht, dann rutscht der Fuss vom Gas- aufs Bremspedal. Ich muss mir etwas einfallen lassen, denn wenn Said, der israelisch-arabische Macher, es bringt fertig seine Idee überzeugend zu realisieren, werden auch drusische Aktivisten es schaffen. Eines ist mir inzwischen klar geworden: es gibt in Israel viele Kooperationen zwischen Juden und Arabern, kleine und grössere, private und offizielle, geschäftliche und soziale, mehr als der Normalbürger weiss. Doch israelische Verteidigungs- und Vergeltungsmassnahmen, sogar palästinensische Terroranschläge auf Juden, haben bei den Medien Priorität und werden berichtet. Zuzufügen ist allerdings, dass die Mehrheit dieser Gemeinsamwerke aus jüdischer Initiative entstanden sind, meine zwei Projekte gehören zu den Ausnahmen. Gerade deshalb mache ich mit und versuche etwas jüdisch-israelische Rationalität hinein zu bringen um damit gezieltes Planen und Ausführen zu ermöglichen.


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Paul Uri Russak, 66, gebürtiger Schweizer, schreibt sein vor allem an jüdische und christliche Freunde gerichtetes Tagebuch seit September 2000. Er wohnt im Weindorf Zichron Ya'akov am südlichen Ende des Carmelberges, nahe am Meer. Uri ist gelernter Verlagsbuchhändler, heute pensioniert.
Wie vielen Israelis aus dem politisch linken Spektrum hat sich seine Einstellung durch die Realität der Ereignisse der letzten drei Jahre etwas nach rechts verschoben, auch wenn sie sich noch immer links der Mitte befindet. Uri betätigt sich heute als Publizist in deutscher und englischer Sprache und setzt sich aktiv für die Verbesserung des zwischenmenschlichen und politischen Verhältnisses zwischen jüdischen und arabischen Bürgern Israels ein.


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