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Uris Tagebuch

 

5.2.2005 – Said Abu-Shakra bei der Reformgemeinde Sulam Ya’akov

Dieser Freitagabend bescherte mir ein ganz besonderes Erfolgserlebnis. Said und Seham Abu-Shakra waren bei unserer Reformgemeinde Sulam Ya’akov in Zichron Ya’akov zu Gast. Die beiden nahmen erst am Gottesdienst teil und hatten dabei keinerlei Schwierigkeiten, sich im Siddur (Gebetbuch) zurechtzufinden, denn wie Said später erklärte, sind ihm viele der darin enthaltenen Begriffe geläufig. Für seine Matur habe er als Pflichtfach Tenach (Bibel) lernen müssen. Nach dem Kaddisch und dem letzten Gesang wurden die beiden von Ellen Fisher den etwa dreissig Gemeindemitgliedern als “unsere neuen Freunde“ vorgestellt. Said sprach über seine Herkunft, sein Leben und die Gründe, die ihn bewegten trotz  Widerständen und Prophezeiungen des Unheils eine heute erfolgreiche Kunstgalerie in der kulturellen Wüste seiner Heimatstadt Umm El-Fahm zu eröffnen. Am Anfang hätten ihm Künstler aus „Mitleid“ Werke zum Ausstellen gegeben, heute sei es der Ergeiz jüdischer und arabischer Künstler im Land, in der Kunstgalerie Umm El-Fahm ausstellen zu dürfen. Er erzählte über seine fünfundzwanzig Jahre als Polizeioffizier, der für Jugendkriminalität im ganzen Land zuständig war und seine Arbeit als Sozialarbeit auffasste. Er sprach über die der Galerie angeschlossene Kunstschule für Kinder und Jugendliche, in der er mit Zeichnen, Malen, Töpfern und Theaterklassen Hunderte von Minderjährigen von Kriminalität, Drogen und Extremismus abhält. Er erzählte von seinen Plänen, die er im Laufe der vergangenen zehn Jahre zum Teil schon verwirklichte und die Unterstützung, die er von der Stadt Umm El-Fahm, von der nordisraelischen islamischen Bewegung regiert, erhält. Diese Bewegung (derer Führer noch einige Monate im Gefängnis sitzt) hat inzwischen erkannt, dass sich durch Saids Aktivitäten und Freundschaften in jüdischen wie auch Regierungskreisen, der üble Ruf dieser Stadt verbessert hat und wieder jüdische Besucher kommen. Er erzählte über seine Bestrebungen, die konservativen Kräfte und Traditionen seiner Gesellschaft der Moderne näherzubringen. Heute unterstützen ihn islamische Kreise in seinem Vorhaben, mit Skulpturen die Stadt zu verschönern. Abstrahierte Bildnisse sind erlaubt. Er sprach über den Feminismustag in Umm El-Fahm (über den ich am 31.5.2004 ausführlich berichtete), erwähnte allerdings nicht die Reaktion einiger arabischer Ehemänner, die sich mit der Begeisterung ihrer Ehefrauen nicht so recht anfreunden konnten. Said sprach anderthalb Stunden aus dem Stegreif, mit Humor und Überzeugungskraft. Es herrschte Stille im Saal, nur gelegentliche Frage unterbrachen seine Präsentation.

Unsere Gemeindemitglieder waren fasziniert. Unter ihnen sind Schulleiter, Lehrer, Psychologen und Kunstinteressierte. Said der Visionär musste viele Fragen beantworten und setzte sich auch gegenseitig befriedigend mit einer aggressiven Frage (nicht alles war „Friede, Freude, Eierkuchen“) auseinander, die ihm von einem grundsätzlich araberkritischen Gemeindemitglied gestellt wurde. Zum Anschluss des Abends, von Brad Fisher aus Zeitgründen fast gewaltsam um elf Uhr abgebrochen, wurden die ersten Kontakte geknüpft und Pläne für Zusammenarbeiten und gegenseitigen Unterstützungsaktivitäten geplant – nicht nur zwischen Gemeinde und Saids Aktivitäten, sondern auch zwischen ihm und einzelnen Mitgliedern, wie auch für die Arbeit von Saids Frau Seham, die in Umm El-Fahm einer Primarschule mit fast achthundert Schülern vorsteht. Said ist ein begnadeter Redner – Seham findet, er habe in seinen fünfundzwanzig Jahren bei der Polizei vor allem freies Reden gelernt. 

Ellen ist über diesen Abend begeistert und mit Recht stolz, ihn organisiert zu haben. Ich pflichte ihr bei, denn wir haben damit als religiöse Gemeinde Neuland betreten. Wir ergreifen die angebotene Hand eines arabischen Mitbürgers, der mit seinen zum Teil schon realisierten Visionen und der Philosophie des „selber tun, statt klagen“ Verantwortung für sich selbst (und seine Gesellschaft) als Bürger eines demokratischen Staates übernimmt. Damit, so denke ich, verlassen wir ein Stück weit den israelischen Partikularismus in Richtung Universalismus, für den wir als Juden eigentlich einstehen sollten.

 

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Paul Uri Russak, gebürtiger Schweizer, schreibt sein vor allem an jüdische und christliche Freunde gerichtetes Tagebuch seit September 2000. Er wohnt im Weindorf Zichron Ya'akov am südlichen Ende des Carmelberges, nahe am Meer. Uri ist gelernter Verlagsbuchhändler, heute pensioniert.
Wie vielen Israelis aus dem politisch linken Spektrum hat sich seine Einstellung durch die Realität der Ereignisse der letzten drei Jahre etwas nach rechts verschoben, auch wenn sie sich noch immer links der Mitte befindet. Uri betätigt sich heute als Publizist in deutscher und englischer Sprache und setzt sich aktiv für die Verbesserung des zwischenmenschlichen und politischen Verhältnisses zwischen jüdischen und arabischen Bürgern Israels ein.


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