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Uris Tagebuch
 

31.10.2003
 

Seit anderthalb Jahren bin ich Hilfspolizist. Ein oder zwei Mal im Monat habe ich Dienst. Kurzfristig wurde ich heute gebeten (Befehle gibt es bei uns nicht), die erste Patrouille des Tages zu übernehmen. Ich erhielt einen neuen Partner, Patricia, genannt Trish, also eine Partnerin. Es ist weit angenehmer Tagespatrouillen statt Nachtpatrouillen zu absolvieren, es ist etwas los, wenn auch nicht immer von polizeilicher Wichtigkeit, aber gerade heute Freitag war Zichron Ya’akov voller Touristen, die Kaffeehäuser und Restaurants, die zur Fussgängerzone erklärte lokale Flaniermeile sah aus wie die Zürcher Bahnhofstrasse am Donnerstag Abend. Statt herumzufahren um Verbrecher suchen, wurden wir (wieder) gebeten am Ausgang der Hauptstrasse zu parkieren und von dort das Geschehen zu überwachen. Also stand ich mit quackendem Funkgerät beim Auto und sagte den artig grüssenden Passanten guten Tag.
Wir standen für gut zwei Stunden in der Sonne und betätigten uns vor allem als Fremdenführer für Besucher, die das Museum, den Kunstmarkt suchten oder wissen wollte, wo man am besten isst. Vor allem beim letzteren war mein Wissen dem von Trish weit überlegen. Trish ist eine interessante Frau. Sie stammt aus London, spricht aber Hebräisch praktisch ohne Akzent. Sie betreibt eine Judoschule, führt Selbstverteidigungskurse für Frauen durch, organisiert Wettkämpfe, gehört zum oberen Kader der Freiwilligpolizei und darf deshalb ihr Gewehr nach Hause nehmen. Darum beneide ich sie gar nicht, bei den vielen Kinderbesuchen bei uns, wäre es geradezu fahrlässig gefährlich Waffen im Haus herumliegen zu haben. Zudem betätigt sie sich als Englischlehrerin und wird in einigen Monaten zum ersten Mal Grossmutter.
Trish kennt sogar noch mehr Ortsansässige als ich. Der Polizeikommandant der Region hatte sich zu einer Inspektion angesagt und ich hatte in weiser Voraussicht meine Sandalen geputzt. Erschienen ist er aber nicht. Ich schreibe dies, um zu zeigen, wie normal das Leben hier weitergeht. Kann sein, dass es bei vielen Israelis unter der Oberfläche unruhiger zugeht, vielleicht sogar im Unterbewusstsein rumort, doch ich denke, dass die meisten sich weigern, den Alltag von Terror und Politikern aufzwingen zu lassen. Sogar wenn sie sich, wie gestern geschrieben, aus der Kenntnisnahme tagtäglicher Politik ausgeklinkt haben.
Im übrigen hatten wir das Haus wieder voller Enkel, diesmal in Raten. Erst bis vier Uhr die zwei Kleinen unseres Sohnes, dann nach sechs Uhr, alle drei unserer Tochter. Es ging friedlich zu. Nach dem Abendessen schauten wir uns Lichtbilder meiner vielen Reisen an, die Türkei, besonders Kapodokien, war an der Reihe. Zwar hatten die Kinder nach einer Weile genug davon, doch in Schwiegersohn Motti hatte ich ein dankbares Publikum. Nächstes Mal kommt der prähistorische Mensch aus dem Périgord an die Reihe, einer Gegend, an die ich mit unbeschreiblicher Wehmut zurückdenke. Dreimal waren wir dort, haben aber bestimmt noch vieles nicht gesehen und erlebt.


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Paul Uri Russak, 66, gebürtiger Schweizer, schreibt sein vor allem an jüdische und christliche Freunde gerichtetes Tagebuch seit September 2000. Er wohnt im Weindorf Zichron Ya'akov am südlichen Ende des Carmelberges, nahe am Meer. Uri ist gelernter Verlagsbuchhändler, heute pensioniert.
Wie vielen Israelis aus dem politisch linken Spektrum hat sich seine Einstellung durch die Realität der Ereignisse der letzten drei Jahre etwas nach rechts verschoben, auch wenn sie sich noch immer links der Mitte befindet. Uri betätigt sich heute als Publizist in deutscher und englischer Sprache und setzt sich aktiv für die Verbesserung des zwischenmenschlichen und politischen Verhältnisses zwischen jüdischen und arabischen Bürgern Israels ein.