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Seit anderthalb Jahren bin ich Hilfspolizist. Ein oder
zwei Mal im Monat habe ich Dienst. Kurzfristig wurde ich heute gebeten (Befehle
gibt es bei uns nicht), die erste Patrouille des Tages zu übernehmen. Ich
erhielt einen neuen Partner, Patricia, genannt Trish, also eine Partnerin.
Es ist weit
angenehmer Tagespatrouillen statt Nachtpatrouillen zu absolvieren, es ist
etwas los, wenn auch nicht immer von polizeilicher Wichtigkeit, aber
gerade heute Freitag war Zichron Ya’akov voller Touristen, die
Kaffeehäuser und Restaurants, die zur Fussgängerzone erklärte lokale
Flaniermeile sah aus wie die Zürcher Bahnhofstrasse am Donnerstag Abend.
Statt herumzufahren um Verbrecher suchen, wurden wir (wieder) gebeten am
Ausgang der Hauptstrasse zu parkieren und von dort das Geschehen zu
überwachen. Also stand ich mit quackendem Funkgerät beim Auto und sagte
den artig grüssenden Passanten guten Tag.
Wir standen für gut zwei Stunden in der Sonne und betätigten uns vor allem
als Fremdenführer für Besucher, die das Museum, den Kunstmarkt suchten
oder wissen wollte, wo man am besten isst. Vor allem beim letzteren war
mein Wissen dem von Trish weit überlegen. Trish ist eine interessante
Frau. Sie stammt aus London, spricht aber Hebräisch praktisch ohne Akzent.
Sie betreibt eine Judoschule, führt Selbstverteidigungskurse für Frauen
durch, organisiert Wettkämpfe, gehört zum oberen Kader der
Freiwilligpolizei und darf deshalb ihr Gewehr nach Hause nehmen. Darum
beneide ich sie gar nicht, bei den vielen Kinderbesuchen bei uns, wäre es
geradezu fahrlässig gefährlich Waffen im Haus herumliegen zu haben. Zudem
betätigt sie sich als Englischlehrerin und wird in einigen Monaten zum
ersten Mal Grossmutter.
Trish kennt sogar noch mehr Ortsansässige als ich. Der Polizeikommandant
der Region hatte sich zu einer Inspektion angesagt und ich hatte in weiser
Voraussicht meine Sandalen geputzt. Erschienen ist er aber nicht. Ich
schreibe dies, um zu zeigen, wie normal das Leben hier weitergeht. Kann
sein, dass es bei vielen Israelis unter der Oberfläche unruhiger zugeht,
vielleicht sogar im Unterbewusstsein rumort, doch ich denke, dass die
meisten sich weigern, den Alltag von Terror und Politikern aufzwingen zu
lassen. Sogar wenn sie sich, wie gestern geschrieben, aus der
Kenntnisnahme tagtäglicher Politik ausgeklinkt haben.
Im übrigen hatten wir das Haus wieder voller Enkel, diesmal in Raten. Erst
bis vier Uhr die zwei Kleinen unseres Sohnes, dann nach sechs Uhr, alle
drei unserer Tochter. Es ging friedlich zu. Nach dem Abendessen schauten
wir uns Lichtbilder meiner vielen Reisen an, die Türkei, besonders
Kapodokien, war an der Reihe. Zwar hatten die Kinder nach einer Weile
genug davon, doch in Schwiegersohn Motti hatte ich ein dankbares Publikum.
Nächstes Mal kommt der prähistorische Mensch aus dem Périgord an die Reihe,
einer Gegend, an die ich mit unbeschreiblicher Wehmut zurückdenke. Dreimal
waren wir dort, haben aber bestimmt noch vieles nicht gesehen und erlebt. |
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Paul Uri Russak, 66,
gebürtiger Schweizer, schreibt sein vor allem an jüdische und christliche
Freunde gerichtetes Tagebuch seit September 2000. Er wohnt im Weindorf
Zichron Ya'akov am südlichen Ende des Carmelberges, nahe am Meer. Uri ist
gelernter Verlagsbuchhändler, heute pensioniert.
Wie vielen Israelis aus dem politisch linken Spektrum hat sich seine
Einstellung durch die Realität der Ereignisse der letzten drei Jahre etwas
nach rechts verschoben, auch wenn sie sich noch immer links der Mitte
befindet. Uri betätigt sich heute als Publizist in deutscher und
englischer Sprache und setzt sich aktiv für die Verbesserung des
zwischenmenschlichen und politischen Verhältnisses zwischen jüdischen und
arabischen Bürgern Israels ein.
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