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Vor etwa einer Woche kehrten wir aus der Schweiz nach Hause zurück. Zu diesem „nach Hause“ stehe voll, nicht aus patriotischen Gründen (auf Patriotismus bin ich öfters allergisch) sondern, weil Lea und ich seit bald fünf Jahren hier wohnen und uns sehr wohl fühlen. Das mit Patriotismus ist überhaupt so eine Sache. Hier in Israel komme ich wiederholt in die Lage mein Geburtsland Schweiz zu verteidigen. Sogar für Kritiken am Benehmen der Banken, der Schweizer Regierung und der offiziellen jüdischen Gemeinschaft in den dreissiger und vierziger Jahren, ja sogar für den gegenwärtigen Mangel an Zivilcourage der Letzteren (Ausnahmen bestätigen die Regel), für den täglich bewiesenen Rassismus von Parteien und Bevölkerungsschichten (man beobachte in einem Zürcher Tram die Reaktion besonders älterer Semester, wenn sich ein weniger schweizerisch aussehender Mensch neben sie setzen will), finde ich entschuldigende Worte, Gründe und Erklärungen. Genau umgekehrt funktioniert es auch: in der Schweiz, in der Israel kritisiert und verurteilt wird und sich besonders Schweizer Juden mit Wonne auf jede Kritik am jüdischen Staat stürzen. Dort finde ich mich in der Rolle des Erklärers. Grundsätzlich kommt aus beiden Richtungen Kritik aus besonders unbedarften und ignoranten (manchmal auch aus bösartigen) Kreisen, wobei allerdings zu betonen ist, dass im Gegensatz zu Israel, die Existenz der Schweiz weder bedroht ist oder gar in Frage gestellt wird. Am Tage nach unserer Rückkehr nach Zichron Ya’akov kehrte der telefonische Alltag ein. Von Freunden hörten wir wiederholt, dass wir ihnen gefehlt hätten. Beim Coiffeur erhielten Lea und ich Kaffee serviert, ich musste erklären, dass es in Zürich noch nicht geschneit habe und was ein Cordon Bleu sei. Bei Ilan dem ehemaligen Besitzer des Quartier-Lebensmittelladens (dessen florierendes Geschäft von seinem Schwager, dem das Gebäude gehört, weggenommen worden war) und heute nur noch seinen zweiten Betrieb besitzt, den Zigaretten-, Süssigkeiten- und Zigarettenladen, der sich während unserer Abwesenheit zum Lotto- und Totozentrum Zichron Ya’akovs entwickelt hat. Ilan Berkovitz, aschkenasischer Jude mit fast ausschliesslich orientalischer Klientel, umarmte mich und offerierte einen Espresso, denn Lotto- und Totozettel werden bei ihm an den drei Kaffeetischen ausgefühlt, an denen die Spieler den Kaffee seiner italienischen Espressomaschine einnehmen. Ich füllte für zehn Schekel einen komplizierten Totozettel aus, auf dem vor allem auf Spiele des UEFA Cups gewettet wurde. Sofort war ich mit anderen Totosüchtigen in eine heisse Diskussion über die Qualitäten europäischer Mannschaften verwickelt. Den Zettel habe ich noch nicht kontrolliert, doch weiss ich, dass Valencia gegen Inter 5:1 verlor, obwohl ich vertrauensvoll auf einen Sieg dieser Mannschaft gesetzt hatte. Eine halbe Stunde später meldete ich mich auf der Polizeiwache zum Dienst zurück – den Termin für die nächste Patrouille erhielt ich heute in der Post. Gleich um die Ecke traf mich mein drusischer Freund Hani Hasisi aus Daliat Al-Carmel, der seine Vormittage gerne in unserem Städtchen verbringt. Seine Einladung zu einer Tasse Kaffee schlug ich aus – mir fehlte die Zeit, ich musste noch meine Post abholen und hatte einen Termin bei Shuli, meiner Rechtsanwältin. Heute brachte die Briefträgerin das „Tachles“ der vergangenen Woche. Mit Interesse las ich Leserbriefe im Zusammenhang mit der umkämpften Israel Demonstration, die am vergangenen Sonntag in Basel stattgefunden hatte. Am besten gefiel mir der Brief eines Georg Kreislers (könnte das der Wiener Geiger sein?), der das Judentum als reine Religion empfindet und offensichtlich aus seinem eigenen, selbst beschriebenen Schicksal ausser den Kopf in den Sand zu stecken, rein gar nichts gelernt hat. Die Demo selbst soll ein schöner Erfolg gewesen sein, auch wenn aus Zürich, wie ich höre, nicht einmal ein Minjan (die vorgeschriebene für einen Gottesdienst notwendige Zahl von zehn (männlichen!) Juden im Alter von mindestens dreizehn Jahren) gekommen seien. Die Demo war ein willkommenes Gegengewicht zur antiisraelischen Stimmungsmache, die vor nicht halt macht und es immer wieder fertig bringt aus Opfern weltweites Terrors Täter zu machen. Ganz nach dem Motto: Untaten werden erklärt, Erklärung wird zum Verständnis, Verständnis wird zur Entschuldigung. Der Täter wird zum Opfer – voilà! Auf meine Zeilen vom 22.10.2004 habe ich interessante Reaktionen bekommen. Meine laissez-faire Sicht der evangelikalen Gemeinschaften findet nicht immer Zustimmung, ganz besonders von Seiten eines Freundes, den ich unter keinen Umständen verdächtige, das Evangelikalenproblem als Alibiübung zur Vermeidung einer Stellungnahme in Sachen Israel und Schweizer Judentum zu verwenden. Dann erhielt ich eine E-Mail von evangelikaler Seite, in der ich gefragt wurde, warum ich Christen für gefährlich ansehe. Das tue ich nicht, obwohl das Christentum in seiner Geschichte (nach Jesus) uns Juden äusserst übel mitgespielt hat. Auf heute bezogen denke ich ganz einfach, dass solange Christen nicht versuchen, mich zu ihrem Glauben zu bekehren, sollen sie tun, was sie wollen und wir bleiben Freunde. Auch wurde mir mitgeteilt, dass Judenchristen nicht ausgegrenzt werden sollten, denn sie wollen ja ihr Judentum und ihre jüdischen Traditionen behalten. Es gibt wohl nichts sonderbareres und unjüdischeres als Juden, die Jesus als Gottes Sohn anbeten. Aber ich will mich, als nicht sehr religiöser Mensch, der Taten als wichtiger als Glauben betrachtet und der keinerlei apokalyptische Erwartungen religiöser Art hegt, nicht ernsthaft mit biblischen Voraussagungen beschäftigen. Im übrigen hat Ariel Sharon heute Abend die Abstimmung im israelischen Parlament über die Abzug jüdischer Siedlungen aus dem Gazastreifen gewonnen, mit dem sportlich glänzenden Resultat von 67:45. Ich verfolgte das von vielen Reportern „Drama“ genannte Geschehen am Radio. Da es jedoch noch eine zweite und dritte Abstimmung darüber geben wird, sind die Würfel noch nicht endgültig gefallen. Morgen jährt sich zum neunten Mal der Mord an Itzchak Rabin – in den heutigen Tagen kommt man deshalb ins Grübeln. Im vor einem Jahr von einer palästinensischen Selbstmordattentäterin (einer gebildeten Juristin aus Jenin) heimgesuchten arabisch-jüdischen Restaurant „Maxim“ in Haifa (21 Tote und 60 Verwundete beider Volksgruppen) nahmen wir unser heutiges Abendessen ein. Das „Maxim“ war nach dem Anschlag innert kürzester Zeit wieder instandgestellt worden, sieht aus wie neu und das Essen ist noch vorzüglicher als vor der „Renovation“ sowie sehr preiswert. An der Wand beim Ausgang hängt eine Plakette zur Erinnerung an diesen Ausbruch muslimischen Hasses auf alles das anders ist, eines Hasses der vor nichts halt macht und alles Leben – das eigene und das anderer Menschen - als Wegwerfware betrachtet und behandelt. So, jetzt schliesse ich besser, bevor ich wieder auf ein altes Thema abfahre.
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Paul Uri Russak, gebürtiger Schweizer, schreibt sein vor allem an jüdische und christliche
Freunde gerichtetes Tagebuch seit September 2000. Er wohnt im Weindorf
Zichron Ya'akov am südlichen Ende des Carmelberges, nahe am Meer. Uri ist
gelernter Verlagsbuchhändler, heute pensioniert. |