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Uris Tagebuch
 

25.10.2003 - Jüdische Jugendbewegung und Zusammenleben in Westgaliläa
 

Die drei Söhne meines Sohnes Jehoschua sind Mitglieder der israelischen Jugendbewegung „HaNoar Haoved Vehalomed“ (Die arbeitende und lernende Jugend), die der Arbeitspartei nahe steht. Heute Abend waren wir eingeladen an einem Ablösungsfest teilzunehmen. Mit Ablösung ist die Übernahme der örtlichen Leitung des Jugendbundes durch jüngere Mitglieder gemeint. Die bisherige Leitung ist nun militärpflichtig geworden. Unser ältester Enkel Adam ist nun in der Leitung vertreten, wenn auch nicht als Jugendführer. Das Fest war lustig, originell und einmal mehr hat mich israelische Jugend mit
ihrer Spontaneität und Engagement beeindruckt – was nicht überall der Fall ist, auch wenn ich es auch schon mit Jugendlichen unserer israelischen Reformbewegung erlebt habe. Adams kleiner Bruder Itai (10) glänzte auf der Bühne, während Jonathan (14) für die technische Unterstützung verantwortlich war.
Diese Jugendbewegung existiert auch in einigen arabischen Dörfern der Umgebung, doch mit sehr wenig Mitgliedern, wie mir Adam erzählte. Auch wenn diese Jugendbewegung einer linken Partei mit einer versöhnlichen Ideologie angehört und ihre Ideale weit entfernt sind von Krieg, Hass, Eroberung und Gewalt, ist sie doch eine zionistische Bewegung, für die sich verständlicherweise wenig Araber begeistern. (Drusen und Beduinen sind hier nicht eingeschlossen, vor allem Drusen sehen sich nicht als Araber, sondern als drusisch-israelische Bürger, die oft den Patriotismus ihrer jüdischen Mitbürger übertreffen). Doch dieser Erfolg der Noar Haoved im Gusch Segev, reflektiert dessen junge, gebildete und politisch fortschrittliche jüdische Einwohnerschaft, die mit der politisch religiösen oder rechtsextremen Haltung anderer israelischer Kreise nichts gemeinsam hat. All das erklärte mir mein sechszehnjähriger Enkel Adam, auf den ich sehr stolz bin.
Mein Sohn und seine Familie wohnt im westlichen Galiläa, in den Hügeln hinter Haifa und Akko, mit Aussicht aufs Meer. In dieser Gegend, Gusch Segev, wohnen Araber und Juden nebeneinander. Die Araber in ihren Städten und Dörfer in den Talsenken, die Juden in ihren schmucken Siedlungen (genannt Mitzpim) auf den umliegenden Bergspitzen. Die beiden Volksteile kommen recht gut miteinander aus. Seit dem Aufstand der israelischen Araber vor drei Jahren hat sich das Verhältnis wieder normalisiert, es wird wieder in Sachnin (berühmt durch seinen Fussballklub der in der obersten israelischen Fussballliga spielt) und anderen arabischen Orten eingekauft, allerdings nicht mehr im Ausmasse früherer Zeiten. Das urbane Zentrum der Region Gusch Segev ist Karmiel, eine der erfolgreichsten Entwicklungsstädte Israels, das als Magnet für kommerzielles und industrielles Wachstum dient und Arabern und Juden Arbeitsplätze bietet. Meine Schwiegertochter Salit besitzt eine Cateringfirma und ein kleines Restaurant im Mitzpe Koranit und beschäftigt Bürger aus arabischen Nachbarsorten. Nicht zuletzt durch das familiäre Verhältnis zwischen ihr und ihren Mitarbeitern hat ihre Firma Erfolg.
Ein weiteres Beispiel dieses einigermassen normalen Zusammenlebens ist meine Tochter Dvorith, die mit Streichel- und anderen Tieren Schulen und Kinderparties besucht. Sie wohnt im Mitzpe Eschchar. Unter anderem tut sie das in arabischen Schulen für behinderte und taubstumme Kinder und im Kindergarten eines nahegelegenen Beduinendorfes, von dessen Kindern sie innig geliebt wird. Bezeichnend für das trotz allem nicht ganz ausgeglichene Verhältnis zwischen israelischen Arabern und Juden ist, was ihr die Leiterin einer arabischen Schule erzählte: Ein kleines Mädchen, das mit Dvoriths Tieren schon mehrmals spielen durfte, sei zur Schulleiterin gekommen und habe gesagt: „Weißt Du, aber Dvorith ist doch eine sehr liebe Jüdin“. Es scheint auch andere, weniger liebe Jüdinnen in der Erfahrung dieses arabischen Mädchens zu geben oder es reflektiert die Stimmung seiner Familie.


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Paul Uri Russak, 66, gebürtiger Schweizer, schreibt sein vor allem an jüdische und christliche Freunde gerichtetes Tagebuch seit September 2000. Er wohnt im Weindorf Zichron Ya'akov am südlichen Ende des Carmelberges, nahe am Meer. Uri ist gelernter Verlagsbuchhändler, heute pensioniert.
Wie vielen Israelis aus dem politisch linken Spektrum hat sich seine Einstellung durch die Realität der Ereignisse der letzten drei Jahre etwas nach rechts verschoben, auch wenn sie sich noch immer links der Mitte befindet. Uri betätigt sich heute als Publizist in deutscher und englischer Sprache und setzt sich aktiv für die Verbesserung des zwischenmenschlichen und politischen Verhältnisses zwischen jüdischen und arabischen Bürgern Israels ein.