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Uris Tagebuch

 

24.1.2005 – Eine Welt ohne Israel

Wenn man den Medien glauben kann oder will, werden unsere palästinensischen Intimfeinde ihre Gewalttätigkeiten ab sofort einstellen, da sie eingesehen hätten, sich mit Terror und Gewalt nicht nur nicht durchsetzen zu können sondern ein gewaltiges Eigentor geschossen zu haben. Mr. Abbas, wie er in den englischsprachigen Zeitungen genannt wird, hat das verstanden und entsprechend gehandelt. Wenn es dabei bleibt, sollte eigentlich der ganzen Welt klar werden, welche Katastrophe Jasser Arafat über sein Volk gebracht hat – Tausende Toter, eine zerstörte Infrastruktur und eine hoffnungslose Verarmung der Palästinenser, denen es bis zum Ausbruch der zweiten Intifada wirtschaftlich kontinuierlich besser gegangen war.

Gestern um neun Uhr früh klopfte mein drusischer Freund Hani an die Haustür. Er wollte mich besuchen. Hani ist einer der zahlreichen Freunde, die sich zur Zeit um mich kümmern.

Wir sassen volle drei Stunden am Küchentisch, tranken zu viel Kaffee und assen viel zu viel drusisches, mit Datteln gefülltes Gebäck. Wir sprachen über die in einer drusischen Schule geplante und im letzten Moment geplatzte Holocaustausstellung – geplatzt, weil der dafür vorgesehene Tuvia Friedmann sich wenige Stunden vor seinem Auftritt abmeldete. Er gehe jetzt in Pension – Punkt. Hani hat zwar nicht den Mut verloren, doch ist er enttäuscht. Ich finde ein solches Verhalten von jüdischer Seite, gerade von jemandem, der die Erinnerung an den Holocaust an seine Fahne geschrieben hat, nicht akzeptabel. All das gerade zwei Tage vor dem Holocaust-Tag der Vereinigten Nationen, wo mir neben der beeindruckenden Rede Eli Wiesels auch die leeren Sitze im Saal auffielen.

Hani Hasisi, dem es klar ist, dass auch Drusen schlussendlich zum arabischen Volk gehören, sich aber durch Tradition und Religion in vielem unterscheiden, ist politisch aktiv. Er ist Mitglied des Zentralkomitees der Arbeitspartei, kennt die meisten der „Starpolitiker“ dieser historisch wichtigsten aber heute leider vergammelten Partei und machte mich mit Leuten wie dem neuen Minister Itzchak Herzog und dem Fast-Minister Ephraim Sneh bekannt, die ich jetzt beim Vornamen nennen darf, obwohl ich sie seither nur noch in den Fernsehnachrichten gesehen habe. Hani ruft immer wieder zur Vorsicht gegen moslemisch-arabische Mitbürger aber auch Palästinensern auf. Er, wie andere Drusen, trauen ihnen nicht, auch wenn sie viele Traditionen und die Sprache gemeinsam haben. Drusen, wie andere religiöse Minderheiten in der arabischen Welt, werden verfolgt und der Gottlosigkeit  angeklagt. Hier in Israel haben sie diese Probleme nicht, sie sind die wohl loyalsten Bürger des Staates, eine Tatsache, die von eben diesem Staat nicht immer voll gewürdigt und honoriert wird.

Von Josef Joffe, dem Herausgeber der Wochenzeitschrift „Die Zeit“ erschien dieser Tage in „Foreign Policy“ ein hervorragender, auch die Vorstellungskraft anregender Artikel betitelt „A World Without Israel“, den ich zur Lektüre empfehle. Warum geht es? In den siebziger Jahren galt Israel noch als das Land, das die Demokratie in der Wüste zum Blühen brachte, doch seitdem wird seine Legitimität mehr und mehr in Frage gestellt. Aber wäre die Welt oder der Nahe Osten tatsächlich besser dran ohne Israel? "Würden die ökonomische Malaise und die politische Repression, die wütende junge Männer zu Selbstmordattentätern machen, verschwinden? Hätten die Palästinenser einen unabhängigen Staat? Würden die USA, befreit von ihrem belastenden Alliierten, in der muslimischen Welt plötzlich geliebt werden? Reinstes Wunschdenken! Weit davon entfernt, Spannungen zu erzeugen, dämmt Israel tatsächlich mehr Feindschaft ein als es erzeugt." Joffe bespricht Themen, wie das Verhältnis zwischen den einzelnen arabischen Staaten, der verschiedenen muslimischen Sekten zu eben diesen Staaten, die reaktionäre Gegenwart der arabischen Welt gegenüber der Moderne, der Unterdrückung des arabischen Volkes durch seine Machthaber – alles Probleme, mit denen Israel nicht das geringste zu tun hat, dafür aber verantwortlich gemacht wird. Ohne Israel gäbe es kein palästinensisches Volk, Palästina wäre unter seinen arabischen Nachbarn aufgeteilt, Palästina wäre nie zu einem Begriff geworden. Das alles soll nicht als Entschuldigung der israelischen Besetzung des Westjordanlandes und Gazastreifens und der nicht immer netten Behandlung der Einwohner dieser Gebiete durch Israel herhalten, wenn auch kaum je diskutiert wird, wie es dazu kam. Der eigentlich Schluss aus Josef Joffes Artikel ist der, dass wenn es Israel nicht gäbe, es von den arabischen Staaten hätte erfunden werden müssen.

 

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Paul Uri Russak, gebürtiger Schweizer, schreibt sein vor allem an jüdische und christliche Freunde gerichtetes Tagebuch seit September 2000. Er wohnt im Weindorf Zichron Ya'akov am südlichen Ende des Carmelberges, nahe am Meer. Uri ist gelernter Verlagsbuchhändler, heute pensioniert.
Wie vielen Israelis aus dem politisch linken Spektrum hat sich seine Einstellung durch die Realität der Ereignisse der letzten drei Jahre etwas nach rechts verschoben, auch wenn sie sich noch immer links der Mitte befindet. Uri betätigt sich heute als Publizist in deutscher und englischer Sprache und setzt sich aktiv für die Verbesserung des zwischenmenschlichen und politischen Verhältnisses zwischen jüdischen und arabischen Bürgern Israels ein.


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