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Uris Tagebuch

21.3.2004 – Vernissage in Umm El-Fahm
Die neue Kunstgalerie Umm El-Fahm war absolut voll. Die Vernissage (gestern, 20.3.2004) der neuen weitläufigen und von der Stadt Umm El-Fahm mietfrei zur Verfügung gestellten zwei Stockwerke mit über 1000 Quadratmetern Fläche grossen Räumlichkeiten mit einer riesigen Terrasse und der neuen Ausstellung war ein voller Erfolg. Obwohl wir dachten früh einzutreffen, fanden wir auf drei Autos verteilte Freunde, nur noch entfernt liegende Parkplätze. Die Eröffnung wurde von Bildern der namhaften israelischen Künstlerin Ruth Schloss beherrscht. Ruth Schloss, geboren in Deutschland vor 86 Jahren war anwesend, obwohl sie sich nur noch mit Hilfe anderer bewegen kann und Said Abu-Shakra prophezeit hatte, dass sie nicht werde kommen können. Sie war die Attraktion des Anlasses und wurde besonders gefeiert.
 

 
Ruths Werk der letzten Jahrzehnte setzte sich mit dem politischen Zustand unserer Region auseinander, nicht nur mit beängstigenden Bildern von Stacheldraht und Enge, sondern mit Portraits in beinahe farblosen dunklen Tönen, von Menschen mit inhaltslosen und doch grimmigen Gesichtszügen, die schwer wahrnehmbar sind und teilweise sogar aus der Gesamtstimmung des einzelnen Bildes erfühlt werden müssen. Es hingen auch Gemälde von Geiern und Hyänen – Ruth Schloss zeigt deprimierendes, beängstigendes und deshalb war ich erstaunt in ihr eine nette, freundlich aufgeschlossene Dame kennen zu lernen, die weder depressiv aggressiv noch verängstigt wirkte. Vielleicht läuft ihre Kunst auf einer anderen Ebene ab.
Auf der Terrasse zeigten sich neben den arabischen Süssigkeiten und Getränken auch Skulpturen, die sich gegen das in der Nachmittagssonne liegende Stadtbild von Umm El-Fahm abhoben, einer nicht sehr attraktiven Stadt, doch in diesem schönen Licht blitzten die Dächer der Moscheen und aus der Distanz sah alles ordentlich aus. Der offizielle Teil war interessant. Es sprachen der Bürgermeister von Umm El-Fahm, Sheikh Hashem Abd-Elrahman, in Personalunion wie seine zwei Vorgänger, die gerade im Gefängnis sitzen und auf einen Prozess warten (aber das ist eine andere Geschichte), Chef der islamischen Gemeinschaft, über die ich vage Vorbehalte habe und noch nicht weiss, was ich darüber denken soll. Allerdings, alle drei mir nun bekannten Bürgermeister dieser konservativen Stadt haben seit Beginn die Galerie, inklusive ausgestellter Frauenakte (zum Teile sehr offener Art) unterstützt und wollen damit den schlechten Namen Umm El-Fahms verbessern – mit sichtbarem Erfolg, messbar an der Entwicklung der Kunstgalerie der Kunstschule für Kinder, die jetzt auch Teil der neuen Anlage geworden ist.
 


Es sprach auch Kevin Lewis, Direktor des British Council und königlicher Kulturattaché im Heiligen Land, der mit seiner Organisation die Galerie zu unterstützen sucht. Zum Schluss trat ein stellvertretender Generaldirektor des Erziehungsministeriums namens Muaffaq Khoury, verantwortlich für Kultur arabischer Minderheiten im Land, auf. Er sprach erst Arabisch, dann Hebräisch und ich weiss nicht, ob er in beiden Sprachen das selbe sagte, was übrigens auch für den Bürgermeister gilt (Kevin Lewis beschränkte sich auf die englische Sprache). Mit diesem Beamten sass ich dann später beim Mittagessen (so gegen fünf Uhr nachmittags) und er erklärte mir, dass Erziehungsministerin Limor Livnat viel Interesse an arabischer Kultur in Israel zeige und ihn unterstütze.
Auch wenn viele der von Nethanyahu durchgesetzten Budgetkürzungen wieder rückgängig gemacht worden seien, entscheide heute das Finanzministerium im Detail über alle Ausgaben des Erziehungsministeriums – Nethanyahu hat sich in eine Machtposition manövriert, die durch direkte und durch nichts verbrämte Einflussnahme auf fast alle Aspekte des israelischen Lebens unheimlich wirkt und, so hoffe ich, längerfristig durch seinen Thatcherismus keine bleibende Schäden anrichten wird. Allerdings, wenn ich meinen neuen ministerialen Freund richtig verstehe, scheint unser Finanzminister irgendwo erpressbar zu sein – seine Rückzüge in vorgenommenen Budgetkürzungen kann ich mir nur so erklären.
Wie an früheren Vernissagen war die Mehrheit der Anwesenden Juden, diesmal aber, so mein Eindruck, war der Anteil israelischer Araber sehr gross. Wo immer ich stand oder sass, traf ich interessante Menschen, die sich bemühen mit verschiedenen Aktivitäten für ein besseres (grundsätzlich ein „normales “) Zusammenleben zu wirken. So ein arabischer Lehrer am Beit Berl (die Schule der ehemaligen Mapai, heute Arbeitspartei, und derer Kibbuzbewegung), der Kurse zu diesem Thema anbietet, neben mir sass und Hummus vom selben Teller auf seine Pita strich. Oder Saids jüngster Bruder Farid, der sich gut verkaufende Katzenbilder malt.
Oder Kamal, der in Umm El-Fahm einen Verein für eine zivile Gesellschaft leitet, sich Aktivist nennt und mich zu einem dreitägigen Aktivistenseminar im Kibbuz Metzer einlud. Dieser Kibbutz zeichnet sich damit aus, dass er sich besonders stark für die Koexistenz zwischen Juden und Arabern einsetzt. Palästinenser haben sich dafür im November 2002 mit einem fünffachen Mord an Kibbuzmitgliedern, davon schlafende Kinder, bedankt. (Uri Avneri hat diesen Mord „verstanden“ und in einem langen Artikel mit der Besetzung der Westbank „erklärt“, den Mord an den Kindern abgelehnt, den an den Erwachsenen nicht, ein geschriebenes Gewäsch, das ich ihm nie verzeihen werde und meine negative Einstellung ihm gegenüber vertiefte).
Wenn immer ich Freunde und Bekannte, alte und neue, nach Umm El-Fahm in die Galerie bringe, wenn sie Said Abu-Shakra kennen lernen, wenn sie die Galerie und die Kinderkunstschule sehen, Fragen stellen und kompetente Antworten erhalten, kommen sie mit rauchendem Kopf nach Hause. Darüber habe ich schon öfters berichtet – doch jedes Mal trifft mich diese Erkenntnis von Neuem – es geht hier um die einzige von arabischer Seite ausgehende Initiative dieser Art, die uns Juden die Hand in Freundschaft reicht, diese Freundschaft über Kunst, Freundschaft und ständigen Kontakten ausleben will und es auch tut. Als Bürger des selben Staates und ebenbürtig auf Augenhöhe, wie Said sagt - trotz seinen Frustrationen und in einigem benachteiligter Bürger dieses Staates. Deshalb habe ich mich engagiert.
 

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Paul Uri Russak, 66, gebürtiger Schweizer, schreibt sein vor allem an jüdische und christliche Freunde gerichtetes Tagebuch seit September 2000. Er wohnt im Weindorf Zichron Ya'akov am südlichen Ende des Carmelberges, nahe am Meer. Uri ist gelernter Verlagsbuchhändler, heute pensioniert.
Wie vielen Israelis aus dem politisch linken Spektrum hat sich seine Einstellung durch die Realität der Ereignisse der letzten drei Jahre etwas nach rechts verschoben, auch wenn sie sich noch immer links der Mitte befindet. Uri betätigt sich heute als Publizist in deutscher und englischer Sprache und setzt sich aktiv für die Verbesserung des zwischenmenschlichen und politischen Verhältnisses zwischen jüdischen und arabischen Bürgern Israels ein.


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