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Uris Tagebuch
 

21.1.2004 - Kunst und Terror

Leider bin ich für einige gute Tagen etwas schreibfaul - hoffentlich ändert sich das bald. Zu viel Zeit zu Hause liegen und sitzen vermittelt kaum persönliche Abenteuer, über die es zu berichten gäbe, doch Eindrücke werden
durch die verschiedenen Medien bis ans Bett gebracht.
Vor allem bin ich sehr gerührt über die Unmenge erhaltener Anrufe und Schreiben, viele davon aus dem Ausland. Ich danke allen, die sich die Mühe dazu genommen hatten und fühle mich überhaupt nicht allein gelassen. Noch wird diese Periode meines Schreibstaus einige Wochen weitergehen, doch nicht absolut, denn wie gerade jetzt packt mich eine unwiderstehliche Mitteilungsbedürfnis, der ich für ein paar Minuten nachgebe.Was mich beschäftigt wird vom eben erfolgten Kunstskandal in Stockholm wunderbar repräsentiert. Nämlich, die Art und Weise, wie von der Öffentlichkeit Prioritäten gesetzt werden. Man fällt über den israelischen Botschafter in Stockholm, der aus seinem Herzen keine Mördergrube gemacht hat und über „die“ Israelis her, die wie von ihm vorgeführt, unhöflich, kulturlos und gewalttätig seien. Israelis verstehen, so lese ich, einfach nicht, dass Massenmord Kunst sei und ästhetisch dargestellt werden muss.
Mit den vielen Opfern hat das nichts zu tun. Der Massenmord im Restaurant Maxim war, so las ich, ein Instrument palästinensischer Selbstdarstellung, eine, so verstehe ich das, „Création“. Henryk Broder nennt das „die Kunst des Terrors“. Das hat nur bedingt mit Antisemitismus zu tun, denn nehmen wir ein zweites Beispiel bemerkenswerter Reaktion auf ein vor kurzem geschehenes Happening, auf die Gefangenname Saddam Husseins. Kein Schwanz redet oder schreibt über die Hundertausende Opfer dieses Mannes, aber jetzt muss er, der liebe und arme Onkel Saddam bevorzugt behandelt und unbedingt vor der Todesstrafe gerettet werden. Nur das ist wichtig, Massengräber und vergaste Städte finden in der Tiefe westlicher Psyche nicht statt, sie werden ausgeblendet. Zwar habe ich grundsätzliche Vorbehalte gegen die Todesstrafe, denke den Eichmann hätte man nicht umbringen sollen (natürlich hat er es verdient, doch das hat damit nichts zu tun) und ich hoffe, dass man nicht der arabischen Kultur nachgibt und Saddams Landsleute ihn abmurksen lässt.
Aber das darf doch nicht erste, statt letzte Priorität in der Reaktion auf diese Geschehnisse sein. Ähnliches geschah nach dem 11/9 – vor allem wurde dieser gewaltige Massenmord als verständnisheischende Aktion armer, unterernährter, wenn zugleich auch steinreicher und gut ausgebildeter Araber dargestellt, statt als Grossangriff auf die USA, stellvertretend für die gesamte westliche Welt. Doch bis die ersten nichtjüdischen und nichtamerikanischen Terroropfer auf europäischem Boden und in „genügender“ Zahl produziert werden, so lange werden Realitätssinn und Anstand trendigen Vorurteilen weichen, wie dem Antiamerikanismus und Antisharonismus (dem modernen Synonym für Antisemitismus oder Antiisraelismus).
Ich danke dem Herrn Botschafter Mazel in Schweden für sein weder politisch noch diplomatisch korrektes Benehmen und weiss nicht, ob ich den Mut dazu gehabt hätte.


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Paul Uri Russak, 66, gebürtiger Schweizer, schreibt sein vor allem an jüdische und christliche Freunde gerichtetes Tagebuch seit September 2000. Er wohnt im Weindorf Zichron Ya'akov am südlichen Ende des Carmelberges, nahe am Meer. Uri ist gelernter Verlagsbuchhändler, heute pensioniert.
Wie vielen Israelis aus dem politisch linken Spektrum hat sich seine Einstellung durch die Realität der Ereignisse der letzten drei Jahre etwas nach rechts verschoben, auch wenn sie sich noch immer links der Mitte befindet. Uri betätigt sich heute als Publizist in deutscher und englischer Sprache und setzt sich aktiv für die Verbesserung des zwischenmenschlichen und politischen Verhältnisses zwischen jüdischen und arabischen Bürgern Israels ein.


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