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Leider bin ich für einige
gute Tagen etwas schreibfaul - hoffentlich ändert sich das bald. Zu viel
Zeit zu Hause liegen und sitzen vermittelt kaum persönliche Abenteuer,
über die es zu berichten gäbe, doch Eindrücke werden
durch die verschiedenen Medien bis ans Bett gebracht.
Vor allem bin ich sehr gerührt über die Unmenge erhaltener Anrufe und
Schreiben, viele davon aus dem Ausland. Ich danke allen, die sich die Mühe
dazu genommen hatten und fühle mich überhaupt nicht allein gelassen. Noch
wird diese Periode meines Schreibstaus einige Wochen weitergehen, doch
nicht absolut, denn wie gerade jetzt packt mich eine unwiderstehliche
Mitteilungsbedürfnis, der ich für ein paar Minuten nachgebe.Was mich
beschäftigt wird vom eben erfolgten Kunstskandal in Stockholm wunderbar
repräsentiert. Nämlich, die Art und Weise, wie von der Öffentlichkeit
Prioritäten gesetzt werden. Man fällt über den israelischen Botschafter in
Stockholm, der aus seinem Herzen keine Mördergrube gemacht hat und über
„die“ Israelis her, die wie von ihm vorgeführt, unhöflich, kulturlos und
gewalttätig seien. Israelis verstehen, so lese ich, einfach nicht, dass
Massenmord Kunst sei und ästhetisch dargestellt werden muss.
Mit den vielen Opfern hat das nichts zu tun. Der Massenmord im Restaurant
Maxim war, so las ich, ein Instrument palästinensischer Selbstdarstellung,
eine, so verstehe ich das, „Création“. Henryk Broder nennt das „die Kunst
des Terrors“. Das hat nur bedingt mit Antisemitismus zu tun, denn nehmen
wir ein zweites Beispiel bemerkenswerter Reaktion auf ein vor kurzem
geschehenes Happening, auf die Gefangenname Saddam Husseins. Kein Schwanz
redet oder schreibt über die Hundertausende Opfer dieses Mannes, aber
jetzt muss er, der liebe und arme Onkel Saddam bevorzugt behandelt und
unbedingt vor der Todesstrafe gerettet werden. Nur das ist wichtig,
Massengräber und vergaste Städte finden in der Tiefe westlicher Psyche
nicht statt, sie werden ausgeblendet. Zwar habe ich grundsätzliche
Vorbehalte gegen die Todesstrafe, denke den Eichmann hätte man nicht
umbringen sollen (natürlich hat er es verdient, doch das hat damit nichts
zu tun) und ich hoffe, dass man nicht der arabischen Kultur nachgibt und
Saddams Landsleute ihn abmurksen lässt.
Aber das darf doch nicht erste, statt letzte Priorität in der Reaktion auf
diese Geschehnisse sein. Ähnliches geschah nach dem 11/9 – vor allem wurde
dieser gewaltige Massenmord als verständnisheischende Aktion armer,
unterernährter, wenn zugleich auch steinreicher und gut ausgebildeter
Araber dargestellt, statt als Grossangriff auf die USA, stellvertretend
für die gesamte westliche Welt. Doch bis die ersten nichtjüdischen und
nichtamerikanischen Terroropfer auf europäischem Boden und in „genügender“
Zahl produziert werden, so lange werden Realitätssinn und Anstand
trendigen Vorurteilen weichen, wie dem Antiamerikanismus und
Antisharonismus (dem modernen Synonym für Antisemitismus oder
Antiisraelismus).
Ich danke dem Herrn Botschafter Mazel in Schweden für sein weder politisch
noch diplomatisch korrektes Benehmen und weiss nicht, ob ich den Mut dazu
gehabt hätte. |
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Paul Uri Russak, 66,
gebürtiger Schweizer, schreibt sein vor allem an jüdische und christliche
Freunde gerichtetes Tagebuch seit September 2000. Er wohnt im Weindorf
Zichron Ya'akov am südlichen Ende des Carmelberges, nahe am Meer. Uri ist
gelernter Verlagsbuchhändler, heute pensioniert.
Wie vielen Israelis aus dem politisch linken Spektrum hat sich seine
Einstellung durch die Realität der Ereignisse der letzten drei Jahre etwas
nach rechts verschoben, auch wenn sie sich noch immer links der Mitte
befindet. Uri betätigt sich heute als Publizist in deutscher und
englischer Sprache und setzt sich aktiv für die Verbesserung des
zwischenmenschlichen und politischen Verhältnisses zwischen jüdischen und
arabischen Bürgern Israels ein.
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