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Gestern Abend sass ich mit Freunden in unserem Garten. Avi Melamed,
Philosophieprofessor an der Uni Haifa kam, aus Gründen, an die ich mich
nicht mehr erinnern kann, auf die Albigenser zu sprechen, die vor
achthundert Jahren im südfranzösischen Languedoc von den Kreuzrittern
abgeschlachtet worden waren. Ich kann mich noch klar erinnern einige
schlaflose Nächte während einem Ferienaufenthalt in dieser wunderschönen
Gegend verbracht zu haben, nachdem ich, was ich immer und überall tue,
über die lokale Geschichte nachgelesen hatte. Ich fand den Ausspruch "Tötet
sie alle, denn Gott erkennt die Seinen", des Anführers dieser Kreuzritter,
Abt Arnaud-Amaury, nachdem einige seiner Männer wissen wollten, ob alle,
Katholiken und „ketzerische“ Albigenser, wahllos abgeschlachtet werden
sollten.
Warum komme ich darauf? Heute früh fuhr ich wieder einmal am Restaurant
Maxim in Haifa vorbei. Dieses arabische Lokal wurde im vergangenen Jahr
zum Ziel einer Selbstmordbomberin. Das Restaurant gehört einer
christlich-arabischen Familie und wird von israelischen Juden und Arabern
gerne besucht. Genau oben genannter Ausspruch kam mir in den Sinn, denn
Araber wurden genau so umgebracht, wie alle anderen, nur mit dem
Unterschied, dass sie posthum und ungefragt zu Märtyrern ernannt wurden.
Das gleiche gilt für die arabischen „Zufallsopfer“ in anderen israelischen
Lokalen, in öffentlichen Autobussen, an der Bushaltestelle bei der
Stadteinfahrt zu Umm El-Fahm und in den heutigen Tagen in Saudiarabien und
im Irak. Ich denke es ist die selbe Geisteshaltung, die von den
christlichen Kreuzrittern in ihrer Zeit (das hier beschriebene geschah
1209) von islamistisch-jihadistischen Kreisen in die heutige Moderne
übernommen worden ist. Der selbe perverse Glaube an die Exklusivität der
eigenen Religion, der selbe Hass auf alle die anders sind, die selbe
Freude am Töten, der selbe religiöse Wahnsinn, der vor nichts halt macht
und das Leben schlechthin als Wegwerfware sieht. Die Kreuzritter mussten
mit dem Nachteil leben, dass es zu ihrer Zeit noch kein weltweites
Mediennetz gab, welches solche „News“ „live“ vermittelt und es einer Menge
sonderbar veranlagten Menschen ermöglicht, Massenmord zu „verstehen“ und,
wie es in westlichen Ländern geschieht, die Opfer zu Tätern zu stempeln.
Anders ist der rabiate Antiisraelismus/Antisemitismus und
Antiamerikanismus dieser Tage nicht zu verstehen.
Im übrigen produziert das heutige Languedoc/Roussillon hervorragende und
preiswerte Weine. Wieder sassen wir heute Abend in unserem Garten. Leas
Schwester Shulamit und ihr Mann Dov sind bei uns. Dazu gesellten sich
Howard and Dora, die vor fünf Tagen aus Ma’ale Adumim, einem in der
Westbank gelegenen Vorort Jerusalems
nach Zichron Ya’akov, keine zweihundert Meter von uns entfernt, zogen.
Schon wieder war Star des Abends ein Brie, der von Lenny Hirsh, dem
Vorsitzenden der Krebsliga und hauptberuflich Käsefabrikant, hergestellt
wird. Vor kurzem brachte er uns zwei riesige Laibe Brie, jeder fast 1,5
Kilo schwer sowie einen grossen Chèvre. Der Brie riecht reif und fliesst.
Noch ist uns nicht ganz klar, wie lange wir daran essen werden, doch mit
den vielen Gästen der vergangenen und kommenden Tage werden wir das
schaffen.
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Paul Uri Russak, 66,
gebürtiger Schweizer, schreibt sein vor allem an jüdische und christliche
Freunde gerichtetes Tagebuch seit September 2000. Er wohnt im Weindorf
Zichron Ya'akov am südlichen Ende des Carmelberges, nahe am Meer. Uri ist
gelernter Verlagsbuchhändler, heute pensioniert.
Wie vielen Israelis aus dem politisch linken Spektrum hat sich seine
Einstellung durch die Realität der Ereignisse der letzten drei Jahre etwas
nach rechts verschoben, auch wenn sie sich noch immer links der Mitte
befindet. Uri betätigt sich heute als Publizist in deutscher und
englischer Sprache und setzt sich aktiv für die Verbesserung des
zwischenmenschlichen und politischen Verhältnisses zwischen jüdischen und
arabischen Bürgern Israels ein.
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