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Uris Tagebuch

20.10.2003
 

Die Lokalwahlen rücken näher. Fast jeden Abend klopft jemand an die Tür, einer der vier Kandidaten will uns sprechen. Auch rufen uns Freunde an, die einen dieses Quartetts unterstützen und versuchen uns ihren Kandidaten zu verkaufen. Vorhin war Chaim Lipa da, zusammen mit Ariella Boim, bei der ich schon Tee getrunken habe und mit ihrem Ehemann Uriel Patrouille gefahren bin. Eine nette Frau, wir unterhielten uns prächtig, nur Chaim Lipa blieb ziemlich still, was eigentlich nicht Zweck der Übung hätte sein sollen. Die letzten Umfragen ergeben eine Führung von Eli Aboutboul, gefolgt von Itzchak Segev, Chaim Lipa und Arnon Kremer. Unser Nachbar Guy, der Marineoffizier, versucht mir Aboutboul auszureden und Kremer schmackhaft zu machen. Kremer ist von allen der glaubwürdigste, Aboutboul gehöre, sagt Guy, einer orientalischen Grossfamilie an, einer Chamula, die, falls er gewählt würde, Einfluss gewinnen würde und den bisher makellos daherkommenden Eli korrumpieren würde. Lea und ich sind verwirrt. In zehn Tagen finden die Wahlen statt. Nur einen Slogan, selbst erfunden, leuchtet mir ein: "Nur nicht Segev", denn der wäre Garant, da pflichten mir alle Freunde, Nachbarn und Bekannte bei, dass die bisherige Schuldenpolitik unserer Stadt weitergeführt würde, die rund 25 Millionen Schekel Schulden würden nie getilgt, sondern weiter wachsen, denn er müsste alle seine Verpflichtungen gegenüber den lokalen Haredim, der lokalen Aristokratie der Grossgrundbesitzer und den korrupten Likudmitgliedern einlösen, denen weder Sauberkeit, korrektes Regieren und Budgetierung, Schulniveau und ähnliches am Herzen liegt.

In den Nachrichten der CNN werden die Schweizer Wahlen in die eidgenössischen Räte besprochen. Ein Milliardär namens Christoph Blocher soll, heisst es, seinen persönlichen Anspruch auf den zweiten Bundesratsitz der SVP angemeldet haben. Dass diese Partei, für mich der israelischen Likud Partei sehr ähnlich, weiterhin Macht gewinnt und mit Fremdenhass operiert, zeigt mir auch, dass das soziale Niveau der Schweiz sinkt, denn Parteien dieser Qualität sind, wie mit dem Likud hier, ein Zeichen innerer Krise. Zu viele Menschen sprechen auf die Massenverdummung die diese Parteinen propagieren an - Denken wird zum Stilbruch.

Hier ein historischer Leckerbissen, von meiner Freundin Hanna bei Recherchen über einen grossen Schweizer Juden gefunden:
Im Jahre des Herrn 1948 diskutierte das Jugendparlament in Aarau über die "Judenfrage". Eine Lösung derselben in Israel wurde abgelehnt, da man dort doch die seit Jahrhunderten lebenden Araber vertreiben würde. Also kamen die intelligenten Knaben und Mädchen (der Präsident, Thomas Gerster war der Sohn des Rektors der Kantonsschule und ein Jahrgangskollege von mir, wie ich den Quellen entnehmen konnte) auf die Glanzidee, dass alle Juden, die nach dem 8. Mai 1945 in Palästina eingewandert waren, ausgewiesen werden sollten. Als Ersatz sollten die Juden einen "Judenstaat" in Südafrika gründen. Dass dort seit ebenso vielen oder mehr Jahrhunderten "Neger" lebten, kümmerte damals niemanden. Hier haben wir den permanenten schweizerischen Rassismus in Reinkultur, von den Jugendlichen hat's keiner gemerkt, hingegen hat der Vater von Veit Wyler, Louis Wyler öffentlich protestiert.


 


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Paul Uri Russak, 66, gebürtiger Schweizer, schreibt sein vor allem an jüdische und christliche Freunde gerichtetes Tagebuch seit September 2000. Er wohnt im Weindorf Zichron Ya'akov am südlichen Ende des Carmelberges, nahe am Meer. Uri ist gelernter Verlagsbuchhändler, heute pensioniert.
Wie vielen Israelis aus dem politisch linken Spektrum hat sich seine Einstellung durch die Realität der Ereignisse der letzten drei Jahre etwas nach rechts verschoben, auch wenn sie sich noch immer links der Mitte befindet. Uri betätigt sich heute als Publizist in deutscher und englischer Sprache und setzt sich aktiv für die Verbesserung des zwischenmenschlichen und politischen Verhältnisses zwischen jüdischen und arabischen Bürgern Israels ein.