Take A Pen - to the new website
 

Uris Tagebuch
 

16.11.2003 – Schweizer Politik und Juden, Tschachnun, Mordsfeiern usw.
Ich habe begonnen die Kirchenrechtsdebatte im Kanton Zürich zu verfolgen. Für die jüdischen Gemeinden ICZ und Or Chadasch ist es wichtig, dass die Vorlage, die am 30. November zur Abstimmung kommt, vom Volk angenommen wird und ich drücke allen aus der Ferne den Daumen. Da auf der Liste der Unterstützer diese Vorlage viele mir bekannte und sympathische Leute stehen, bin ich froh darüber, dass mit Ausnahme der SVP alle mitziehen, wenn auch die SP den Ton anzugeben scheint, wundert mich nur, dass das Thema islamistischer Terror und Massenmord in diesem Zusammenhang nicht angesprochen, denn es fällt auf, dass die Gefahr von Koranschulen und das gedanklich damit verbundene Thema Terror erwähnt aber nicht diskutiert wird, sondern nur vage am Horizont als Gefahr angetönt wird. Wie ich verstehe, sind die Chancen zur Annahme dieser Vorlage nicht sehr gut – ist das wegen den imaginären Koranschulenfinanzierung oder hat das mit uns Juden zu tun?
Wir haben herrliches Wetter. Lea und ich fuhren gestern nach Habonim, eine
Viertel Stunde weit weg. Lea wollte sehen, wie Leute dort ihren Fallschirmsport betreiben, freien Fall aus über 3000 Meter. Mich lässt sie das nicht tun, aber andere dürfen. Neben dem kleinen Flugplatz gibt es auf einem kleinen Hügel ein romantisches arabisches Ruinendorf, dessen Bewohner 1948 geflohen sein müssen – nicht einmal den Namen dieses Ortes fand ich auf meiner sonst detaillierten Landkarte. Aber es gibt dort, in weniger als hundert Meter Distanz zum Flugplatz, einen mit Teppichen belegten Boden in einer Hausruine ohne Dach und fast keinen Wänden, auf dem wir unsere Stühle aufstellten, in der Sonne sassen und warteten bis das Flugzeug mit den Fallschirmspringern abhob und nach etwa zwanzig Minuten die ersten Fallschirme herunter schwebten. Dann erhielten wir Besuch, eine junge
Familie setzte sich auf einen anderen Teppich neben uns und packte eine
Picknicktasche aus. Die junge Frau, hochschwanger, als sie einmal auf dem Teppich sass, konnte sie sich nicht mehr erheben, bot uns jemenitischen Tschachnun an. Obwohl wir eben erst ein Sandwich verdrückt hatten, wäre es wohl unhöflich gewesen, das nette Angebot abzulehnen. Wir erhielten ein Stück Tschachnun mit Tomatensauce und hartem Ei auf einem sehr schönen Porzellanteller serviert. Tschachnun ist nun mal nicht unser Lieblingsgericht, es ist schwer in der Hand und noch schwerer im Magen, doch die Sauce aus frischen Tomaten und das harte Ei waren vorzüglich. Lea ist begeistert von diesem Ort, ich bin es auch, denn ich sitze lieber auf einem Teppich statt auf fliegendem Sand. Wir diskutierten mit der Familie die Frage, warum hier, in dieser Ruine Teppiche liegen und kamen zum Schluss, dass Jugendliche hier Feste feiern und heisse Wochenendnächte verbringen würden. In der Aussicht mit enthalten ist auch das Meer, die Eisenbahnlinie Haifa – Tel Aviv, Fischteiche und gleich hinter uns, Itamars Buchladen, den ich kürzlich beschrieb. Ich hatte sogar Zeit, mit Banana einen Spaziergang zu machen.
In Tulkarem fand heute eine durch die palästinensischen Behörden
veranstaltete Feier statt, zu Ehren des Mörders fünfer Menschen im Kibbuz Metzer. Der Killer hiess Sirhan Sirhan und wurde vor einigen Monaten liquidiert. Seine Opfer waren eine Mutter mit zwei Kindern, die er alle im Bett erschoss und noch zwei Kibbuzmitglieder. Zur Erinnerung: Kibbuz Metzer ist – noch immer – ein Kibbuz der äusserst aktiv für das jüdisch-arabische Zusammenleben eintritt und so ziemlich das Gegenteil der Charaktere einer Westbanksiedlung besitzt. Die Kibbuzmitglieder von Metzer wollen Frieden, kein Land erobern und lehnen Nationalismus ab. Wenn ich solches lese, kommen mir Zweifel an den Friedensbestrebungen aller Friedensbewegten, ich frage mich, ob diese noch realitätsbezogen sind oder nicht. Meine Zweifel werden vorübergehen, morgen wird das Genfer Abkommen in unser aller Briefkästen liegen und mich positiv ablenken. Heute schrieb der Kommentator Thomas Friedman in der New York Times von „fanatisch Gemässigten„ – er meint damit Yossi Beilin, dem Erzeuger des Abkommens – ich finde den Ausdruck gut.
Ebenso gut ist, dass Friedman darauf hinweist, dass dieses Abkommen eine
virtuelles ist, rechtlich in einem Vakuum steht und von der Regierung und der politischen Rechten mit allen Mitteln bekämpft wird. Heute hörte ich eine Frau im Radio schreien, Yossi Beilin und alle die für Oslo und alles folgende verantwortlich seien, müssten vor Gericht gestellt werden. Die Dame gehört dem gottesgläubigen rechten Lager an und der Moderator hängte nach einiger Zeit das Telefon auf, da sie so sehr in Fahrt gekommen war, dass er sich überhaupt nicht mehr durchsetzen konnte und so die Notbremse zog. So sind die Sitten jener, die nicht einmal mehr über Frieden reden wollen (wohl nie wollten) – unabhängig davon ob ein solcher zur Zeit erreichbar ist oder nicht.


Zum Archiv Uris Tagebuch
 

Paul Uri Russak, 66, gebürtiger Schweizer, schreibt sein vor allem an jüdische und christliche Freunde gerichtetes Tagebuch seit September 2000. Er wohnt im Weindorf Zichron Ya'akov am südlichen Ende des Carmelberges, nahe am Meer. Uri ist gelernter Verlagsbuchhändler, heute pensioniert.
Wie vielen Israelis aus dem politisch linken Spektrum hat sich seine Einstellung durch die Realität der Ereignisse der letzten drei Jahre etwas nach rechts verschoben, auch wenn sie sich noch immer links der Mitte befindet. Uri betätigt sich heute als Publizist in deutscher und englischer Sprache und setzt sich aktiv für die Verbesserung des zwischenmenschlichen und politischen Verhältnisses zwischen jüdischen und arabischen Bürgern Israels ein.