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Uris Tagebuch

14.10.2003
 

Die einzigen Geschäfte, die ich gerne besuche sind Buchhandlungen. Ich kann Stunden darin verbringen, ohne dass es mir langweilig wird. Vor vierzig Jahren gab es in Tel Aviv eine einzige Buchhandlung, die meinem Standard (staubig und mit interessiertem Personal) entsprach, sie gehörte einem alten Jecken. Der Laden stand, vielleicht steht er noch mit einem jungen Jecken, an der Ben Jehuda Strasse. Ich erinnere mich, wie ich 1966, nachdem wir uns entschlossen hatten den Kibbuz zu verlassen und ich auf Arbeitssuche ging, in dieser Buchhandlung anfragte. Ich hätte Verlagsbuchhändler gelernt, sagte ich dem Inhaber. "Aha, Du bist entweder Schweizer oder Deutscher, nur dort gibt es diese Ausbildung", bekam ich zur Antwort. Von seinem Angebot konnte ich keinen Gebrauch machen, der Lohn hätte nicht einmal mich alleine ernährt. Vor wenigen Tagen hörte ich ein Radioprogramm des Buchhändlers Itamar, der, wie Pinkus in der Predigergasse Zürichs, eine Buchhandlung und Antiquariat besitzt und längst vergriffene und rare Bücher findet. Itamars Buchhandlung ist in Zerufa, einem Dorf knapp fünfzehn Autominuten von uns entfernt. Gestern fuhr ich zusammen mit Adam Teller und vier Kindern hin und fühlte mich zu Hause. Itamars Buchhandlung und Antiquariat ist in einer riesigen Lagerhalle untergebracht, sieht aber innen ähnlich aus wie das Bücher-Brockenhaus in Zürich, nur um ein vielfaches grösser. Nach Gebieten eingeteilt, Fachbücher ohne Rücksicht auf die Sprache, Belletristik gibt es neben Hebräisch, in Englisch, Deutsch, Russisch, Jiddisch, Französisch und noch einigen andern Sprachen. Überall stehen Leitern, die Gestelle reichen weit hinauf. Ich fand faszinierendes in der Abteilung Geschichte, doch die Kinder liessen mir nicht genügend Ruhe zur Konzentration. Ich kaufte nur einen hebräischen Asterix für Itai, doch werden Adam und ich wiederkommen. Übrigens, neben Itamars Antiquariat steht eine Fundgrube, die wie ein Brockenhaus alte Sachen anbietet. Ein riesiges Durcheinander, Itai und ich fanden unter anderem ein Bajonett der Schweizer Armee. Gekauft haben wir es nicht. Vor der Türe steht ein lachender Buddha aus weissem Marmor, fast einen Meter hoch, der sich in unserem Garten wohlfühlen würde. Doch will der Ladeninhaber 1500 Dollar dafür. Wenn Buddha wüsste, dass er so viel wert ist, würde ihm das Lachen vergehen.

Die Medien sind voller Kommentare über das Genfer Abkommen. Darüber erfuhr ich erst gestern Abend von Adam Teller. "Was denkst Du über das Genfer Abkommen", fragte er mich. Ich hatte noch nie davon gehört. Inzwischen verglich ich es mit dem Friedensplan von Ami Ayalon und Sari Nusseibeh und bin enttäuscht. Wer braucht noch einen Friedenplan für die Halde? Solange auf das Recht zur Rückkehr von palästinensischer Seite nicht offiziell und öffentlich verzichtet wird, ist das ganze überflüssig. Der Ayalon/Nusseibeh Plan, hat seit Ende Juni schon 45'000 palästinensische, neben 83'000 israelischen Unterschriften, erhalten hat, das erstere eine unglaublich hohe Zahl, die der geläufigen Annahme widerspricht, Israel habe keine Partner für den Frieden. Darin ist dem Recht zur Rückkehr palästinensischer Flüchtlinge von 1948 mit einem kurzen, klaren Satz abgeschworen. Ayalon und Nusseibeh initiierten ihren Plan als Privatleute und Bürger, ohne politische Karrieregedanken, die, so scheint mir, bei den abgehalfterten israelischen Oppositionspolitikern des Genfer Abkommens, die grundsätzliche Motivation zu sein scheint. Zudem heisst es, dass Arafat diesen Vertrag unterstütze - ein weiterer Grund meiner Abneigung für ein kompliziertes und unvollständiges Werk von Leuten, die (wenigstens auf israelischer Seite), keinerlei Möglichkeit haben, es durchzusetzen. Ich bin verstärkt der Meinung, dass der Ayalon/Nusseibeh Plan unterstützt werden soll. Im Gegensatz zu Jossi Beilins Genfer Abkommen, das vergessen zu haben scheint, dass kein Friedensplan ohne minimales jüdisches Vertrauen in die palästinensische Gegenseite auskommen kann. Diese Komponente wurde völlig vergessen - die totale Unglaubwürdigkeit der Palästinenser in den Augen der meisten israelischen Bürger muss überwunden werden. Mit Arafat im Hintergrund ist das ein Ding der Unmöglichkeit - im Gegensatz dazu, belegen die 45'000 palästinensischen Unterschriften für den "Mifkad" (oder Stimme des Volkes) von Ami Ayalon und Sari Nusseibeh, die Bemühungen, das Feindbild Palästina abzubauen. Die unterschreibenden Palästinenser haben sich, so las ich, mit ihrer mutigen Unterschrift in Lebensgefahr gebracht. Doch 45'000 vernünftige Menschen in der besetzten Westbank sind eine ganze Menge Leute - vielleicht vermittelt ihnen das ein Stück weit Sicherheit.
 


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Paul Uri Russak, 66, gebürtiger Schweizer, schreibt sein vor allem an jüdische und christliche Freunde gerichtetes Tagebuch seit September 2000. Er wohnt im Weindorf Zichron Ya'akov am südlichen Ende des Carmelberges, nahe am Meer. Uri ist gelernter Verlagsbuchhändler, heute pensioniert.
Wie vielen Israelis aus dem politisch linken Spektrum hat sich seine Einstellung durch die Realität der Ereignisse der letzten drei Jahre etwas nach rechts verschoben, auch wenn sie sich noch immer links der Mitte befindet. Uri betätigt sich heute als Publizist in deutscher und englischer Sprache und setzt sich aktiv für die Verbesserung des zwischenmenschlichen und politischen Verhältnisses zwischen jüdischen und arabischen Bürgern Israels ein.