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Uris Tagebuch
 

13.11.2003 – Leben nach dem Holocaust
 

Es gibt, neben Themen wie gestern, auch angenehmes zu berichten. Vor zwei Tagen sass ich mit Shlomo Rattner zusammen. Er ist 76 Jahre alt und seit 1947 in Zichron Ya’akov. Shlomo hat den Holocaust überlebt, seine Eltern und sechs seiner sieben Geschwister sind umgekommen. Ein Durchschnittüberlebender. Solche Schicksale finden viele in Israel und überall, wo es Juden gibt. Wenn man sie einzeln kennen lernt, wird jedes einzelne dieser Schicksale personifiziert. Die sechs Millionen werden dann zu sechs Millionen Einzelfällen. Zu Kriegsende war Shlomo in Auschwitz und
dort wurde er befreit. Heute ist er mit einer Jemenitin verheiratet, hat eine Tochter und ist Grossvater. Direkt vom nahen Atlit, wo er von den Engländern für einige Monate als illegaler Einwanderer eingesperrt war, kam er nach Zichron Ya’akov. Er begann eine Weinkarriere, fing auf dem damals noch einzigen lokalen Rebgut Carmel, als Traubenpflücker an und hörte 1986 als Generaldirektor eines Grossunternehmens auf. Nach seiner Pensionierung arbeitete er noch einige Jahre bei Tishbi, dem zweiten lokalen Weinproduzenten. Auf meine Frage, warum der israelische Wein erst seit seiner Pensionierung trinkbar geworden sei, meinte er trocken, es habe halt kein Bedarf an guten koscheren Weinen gegeben. Shlomo war Mitglied der Stadtregierung und verlor die Wahlen vor zwanzig Jahren, als er Bürgermeister werden wollte.
Statt dessen steht er dem Zichron Ya’akover Wohltätigkeitsverein vor, in dem auch die Leiterin des städtischen Fürsorgeamtes einsitzt. Shlomo ist klein, hat schneeweisse Haare und ist trotz schwerer Erkrankung noch voller Leben. Er darf noch nicht wieder Auto fahren – das ärgert ihn. Sein hauptsächliches Projekt ist dieser Verein sowie die Errichtung eines Parkes zur Erinnerung an die Schoa. Diesen Park gibt es schon, ich wusste es nicht, trotzdem er in unserer Nähe liegt und ich auf Patrouille schon ungezählte Male daran vorbeigefahren bin. Der Erinnerungspark besteht aus einem Denkmal, auf dem die Namen verlorener Familienmitglieder von Bürgern in Zichron Ya’akov und Umgebung stehen.
Der Park ist ein kleines Amphitheater, damit die Anlage nicht nur rückwärtsgerichtet sondern, so empfinde ich es, auch durch Anlässe mit Leben erfüllt wird. Doch wird noch immer an der Gartenanlage gearbeitet und das Denkmal selbst ist noch unfertig – es fehlt noch etwas Geld. Das Thema Schoa lässt dessen Überlebende nie mehr los, eine oft gemachte Erfahrung. Ich habe gelernt, mich einzufühlen und versuche nachzuvollziehen, wie diese geprüften Menschen heute funktionieren, und mehr als nur überlebten, sondern oft aber nicht immer, aus ihrem alten Leben ein neues erfolgreiches, aufbauten ohne zu zerbrechen. Für uns Schweizer Juden, die die Nazizeit als Zuschauer auf Bewährung aussassen, ist dieses Einfühlen nicht immer leicht, denn es wird von einigen als Gefahr empfunden, mehr jüdisch als schweizerisch zu denken, statt in einer Verbindung von beidem, eine Einstellung, die seit Ausbruch der Bankenaffäre vor wenigen Jahren und heute wegen Israel wieder aktuell ist und einigen Angst einflösst (jetzt bin ich wieder einmal abgeschweift).
Was auch immer, in Shlomo Rattner habe ich einen sympathischen Mann gefunden, der, wenn auch nicht mehr hundert Prozent fit, noch immer voll mitzieht, statt herumzusitzen und in die Glotze zu schauen. Zudem spricht er hervorragendes Hebräisch, drückt sich gut darin aus und hat etwas zu sagen.
In meinen Tagebucheintrag vom 19.7.2001 steht folgendes:
„Gestern Abend fand in meinem Jazzclub Bluesette ein ganz besonderer Auftritt statt. Es sang ein junger Mann mit Namen David Daor. Er sang mit hohen Tenorstimme (wie früher die Kastraten, zu denen er offensichtlich nicht gehört, da er einen Ehering trug) Haydn, Jazz, italienische Opernarien und auch Volkslieder. Er war fabelhaft und auch mein Freund Walo Kuhn war zutiefst beeindruckt. Noch tiefer beeindruckt waren die vielen Zuhörerinnen. Das weibliche Geschlecht war in massiver Überzahl, die Damen fast aller Altersstufen starrten den Sänger anbetend und andächtig an. Es war wie mit den Boys Bands und den Teenies, ausser, eben, hier sassen auch viele Damen mittleren Alters, die sich nicht anders benahmen wie 15-jährige. Neben uns sass eine junge Frau, die sogar feuchte Augen hatte, doch stellte sich nach Abschluss des Konzertes heraus, dass dies die Ehefrau des Sängers war. Das Konzert war nicht nur schön, sondern auch eindrücklich.“
Den Abend mit ihm auf einem hohen Barstuhl sitzend a cappella singend, habe ich noch heute im Ohr. Heute wird das Volk informiert, dass David Daor der Vertreter Israels am nächsten Eurovision Wettbewerb in Istanbul sein wird. Sein künstlerisches Ansehen in Israel ist seit dem Konzert im Bluesette weiter gestiegen. Man wolle, hat die betreffende Kommission gesagt, keinen Schreier, sondern einen Sänger, der richtig Musik macht. Man könnte sprachlos werden über soviel Mut. Dieses Eurovisionstheater verfolgen wir alle paar Jahre, als wäre es ein Sportanlass, denn mit Musik hat es ja nicht viel zu tun. David Daors fast klassisch anmutende Lieder an einem Popkonzert, das wird interessant.


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Paul Uri Russak, 66, gebürtiger Schweizer, schreibt sein vor allem an jüdische und christliche Freunde gerichtetes Tagebuch seit September 2000. Er wohnt im Weindorf Zichron Ya'akov am südlichen Ende des Carmelberges, nahe am Meer. Uri ist gelernter Verlagsbuchhändler, heute pensioniert.
Wie vielen Israelis aus dem politisch linken Spektrum hat sich seine Einstellung durch die Realität der Ereignisse der letzten drei Jahre etwas nach rechts verschoben, auch wenn sie sich noch immer links der Mitte befindet. Uri betätigt sich heute als Publizist in deutscher und englischer Sprache und setzt sich aktiv für die Verbesserung des zwischenmenschlichen und politischen Verhältnisses zwischen jüdischen und arabischen Bürgern Israels ein.