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Uris Tagebuch
 

13.3.2004 – Tote und Verstümmelte


Lea und ich haben Freude an unseren Besuchern aus Boulder/Colorado. Boulder liegt auf fast 1800 Metern Höhe, es sieht, gemäss Bildern, aus wie die Schweiz. Offene Leute ohne Angst, baten mich Dandy und Steven, sie unbedingt zu Said, in die neue Galerie in Umm El-Fahm zu bringen, obwohl ihre Kinder darauf bestanden hätten, dass sie in Israel keine arabische Dörfer besuchen dürfen. Sie haben den Besuch in der neuen Galerie genossen, deren offizielle Eröffnung in einer Woche sein wird.
Die allermeisten Exponate sind schon am Ort, doch will ich noch nicht darüber berichten. Leider waren wir wieder einmal in Zeitnot, ein Zustand, der mir in der letzten Zeit vermehrt auffällt Die Tatsache, dass wir Juden, besonders die israelischen, immer in Zeitnot, immer in ein Programm hineingepresst sind, das uns den Tagesablauf aufzwingt, dem wir dann mit hängender Zunge hinterher rennen, demonstriert einen fragwürdigen Lebensstil. Deswegen habe ich Said und seiner Frau gegenüber ständig ein schlechtes Gewissen, denn arabische Menschen, auch wenn sie einen teilweise westlichen Lebensstil führen, haben meistens mehr Zeit, schauen viel weniger auf die Uhr und nehmen Gastfreundschaft weit wichtiger als wir unter dauerndem Terminstress stehenden Juden. So war es auch diesmal.
Immer wieder werden die palästinensischen Todesopfer der Intifada bedauert und ihre Zahl hochgejubelt. Ich habe mir eine im Januar 2004 erschienene Statistik (Tagebucheintrag 26.1.04, doch haben sich die Werte auch in der auf 3.3.2004 erfolgten Erhebung nicht wesentlich geändert) nochmals angeschaut und festgestellt, dass fast 80% der israelischen Todesopfer unschuldige Zivilisten sind, während auf palästinensischer Seite die entsprechende Zahl rund 35% beträgt. Unter den „Kämpfern“ der Palästinenser sind offiziell 21% durch eigenes Verschulden, ohne israelische Einwirkung, ums Leben gekommen. Wie viele palästinensische Opfer durch Blutrache, Frauenmord, Feuergefechte zwischen konkurrierenden Terrorbanden, Arbeitsunfälle beim Bombenbau, Verkehrsunfälle etc. statistisch hinzuverwurstet werden, ist nicht bekannt, doch muss sie, an der Zahl
Zeitungsmeldungen gemessen, beträchtlich sein.
Was auffällt ist die Tatsache, dass weder die israelische Regierung noch die nationale und internationale Presse über die lebenslang verstümmelten Israelis arabischer und jüdischer Herkunft berichtet, die den Rest ihres Lebens in einem Körper voller palästinensischer Spezialitäten wie Nägel, Schrauben, Metallsplitter verbringen müssen, Körperteile verloren, kein Gesicht mehr haben, wie Gemüse vegetieren und im besten Fall „nur“ mit lebenslangen Alpträume bleiben, die ein Leben nicht weniger vernichten, als physische Verstümmelungen. Die Zahl dieser Menschen scheint statistisch nicht erfasst zu werden, doch Freunde und Familienmitglieder, die gelegentlich in Behindertenheimen tätig sind, haben mir davon erzählt, sie sind damit konfrontiert und es macht ihnen zu schaffen. Da bei einem durchschnittlichen Terroranschlag die Zahl der Verletzten 3-4 Mal die Zahl der Toten beträgt, muss die Zahl überlebender Opfer beträchtlich sein – doch überall finde ich nur Angaben über Tote. Diese Tatsache beschäftigt mich. Welcher politische Hintergedanke versucht diese armen Menschen aus dem Bewusstsein der nationalen und internationalen Öffentlichkeit zu verdrängen?
 

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Paul Uri Russak, 66, gebürtiger Schweizer, schreibt sein vor allem an jüdische und christliche Freunde gerichtetes Tagebuch seit September 2000. Er wohnt im Weindorf Zichron Ya'akov am südlichen Ende des Carmelberges, nahe am Meer. Uri ist gelernter Verlagsbuchhändler, heute pensioniert.
Wie vielen Israelis aus dem politisch linken Spektrum hat sich seine Einstellung durch die Realität der Ereignisse der letzten drei Jahre etwas nach rechts verschoben, auch wenn sie sich noch immer links der Mitte befindet. Uri betätigt sich heute als Publizist in deutscher und englischer Sprache und setzt sich aktiv für die Verbesserung des zwischenmenschlichen und politischen Verhältnisses zwischen jüdischen und arabischen Bürgern Israels ein.


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