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Wir haben herrlichstes Frühlingswetter – knutschblauer Himmel, kühlen Wind und genau die richtige Wärme um im Garten in der Sonne zu sitzen. Warten wir ab, bis die erste Schweizer Synagoge brennt! Auf diesen einfachen aber fürchterlichen Gedanken bin ich gekommen, nachdem ich über den Brandanschlag und die Bücherverbrennung in der Talmud Thora Schule Montreals geschrieben und seither mit E-Mail überhäuft werde. Falls solches, das ja schon in der gegenwärtigen Zeit in den USA, Deutschland, Türkei, Frankreich etc. passiert ist, wirklich vorkommen sollte, wird mich wundernehmen, wie die Öffentlichkeit reagieren wird. Wird die sich die Regierung vor ihre jüdischen Bürger stellen, wird sie Täter mit Nachdruck verfolgen, werden die Schweizer Juden aus ihrem Tiefschlaf erwachen, wird man Sharon für den Terror weltweit verantwortlich machen (ihr Juden seid ja selbst schuld daran), werden die Gutmenschen Verständnis für die Tat zeigen und für die armen Araber weinen. Vor allem mit Pressenkonferenzen, Drohungen an die Terroristen und scheinheiligen Sympathiebezeugungen ist es nicht getan – und ehrlich gesagt, mehr als das ist bisher auch in Kanada, weder in Toronto oder Montreal, nicht geschehen. Nur die Extremisten und Gutmenschen sitzen im Moment etwas mehr aufs Maul und trauen sich nicht allzu öffentlich zu hassen. Weit wichtiger sind die festlichen Pessachtage in Zichron Ya’akov. Parkplätze gibt es keine, die Kaffeehäuser und Restaurants sind überfüllt, da nur eine Minderheit davon koscheres Essen anbietet – es könnte tatsächlich sein, dass unser Weinstädtchen zum Mekka israelischen Schweinebratens und Meeresfrüchte wird. Solange der Wein koscher für Pessach ist, scheint das niemanden zu stören. Gestern Abend sass ich zum Abendessen bei Brad und Ellen, Adam und seine Frau Margaret waren auch da. Lea war mit einem Pfnüsel zuhause geblieben. Brad spielte auf seinem amerikanischen Gasgrill und produzierte in Rekordzeit fabelhafte Hamburger aus Lammfleisch und dicke Steaks. Gesprächsthema war folgendes: Unsere Reformgemeinde organisiert eine Polenreise für Mitglieder, besucht in einer Woche zwei Konzentrationslager – Majdanek und Auschwitz, zudem auch Warschau, Lublin und Krakow. In den Vorbereitungen gab es Vorträge, die Adam, von Beruf Professor für jüdische Geschichte Polens, mitgestaltete. Ellen und Brad fahren mit. Als ich ihnen sagte, sie sollten nicht vergessen mit der lokalen Bevölkerung Kontakte aufzunehmen, sie nicht zu übersehen und mit ihr zu sprechen, meinten sie, Adam habe ihnen das auch schon gesagt. Da ich Polen Anfangs Neunzigerjahren recht intensiv bereiste, auf den Spuren meines Grossvaters sozusagen, aber auch in Auschwitz, Krakow und Warschau war, kann ich ungefähr nachvollziehen, mit was sie konfrontiert sein werden. Diese Reisen können zu einer enormen emotionelle Belastung werden. Sie sind in Israel sehr populär und werden auch von Schulklassen vorgenommen, sind dann „offiziell“, nennen sich „Delegationen“ und sind deswegen leider oft stark ideologisiert. Zudem denke ich, dass Sechszehn und Siebzehnjährige nicht reif genug sind für diesen Holocausttourismus – doch das ist ein anderes Thema, das anderen, wenn wir darauf zu sprechen kommen (doch nie mit Holocaustüberlebenden), oft in den falschen Hals gerät. Doch aus dieser Situation ging meine und Adams Aufforderung zurück, mit der ansässigen polnischen Bevölkerung zu sprechen, sie nicht zu ignorieren und den Israeli hervorzukehren, der glaubt alles (und vor allem besser) zu wissen. Auf jeden Fall war das gestrige Abendessen bei Brad und Ellen bestimmt besser, als was die zwei in den kommenden Tagen in Polen vorgesetzt bekommen werden. |
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Paul Uri Russak, 66,
gebürtiger Schweizer, schreibt sein vor allem an jüdische und christliche
Freunde gerichtetes Tagebuch seit September 2000. Er wohnt im Weindorf
Zichron Ya'akov am südlichen Ende des Carmelberges, nahe am Meer. Uri ist
gelernter Verlagsbuchhändler, heute pensioniert. |