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In diesen Tagen komme ich
kaum aus dem Haus. Die Grippe geht um - wie ich höre, soll es in der
Schweiz auch nicht besser sein, als hier. Wer mein Tagebuch kennt weiss,
dass ich von politischer Korrektheit absolut
gar nichts halte. Sie führt zu sofortigem Selbstbetrug und nach kurzer
Zeit glaubt der politisch Korrekte sein Gelaber sogar schon selbst und
verliert dem Sinn zur Realität. Seine Aufnahmefähigkeit für Fakten wird zu
einem
ideologischen Sieb, das nur das durchlässt, was subjektiv akzeptierbar ist,
unbeleckt von Wahrheit und, gelegentlich, sogar Selbstrespekt.
Heute sah und las ich über einen Herrn Robert Kilroy-Silk in England,
ehemaligem Mitglied des britischen Unterhauses und heute Showmaster einer
erfolgreichen Fernsehtalkshow der BBC. Er hatte sich in einer
Zeitungskolumne die Freiheit genommen, die ihm als BBC-Angestellten nicht
zusteht, nämlich zu einem heute kontroversen Thema persönliche Stellung zu
nehmen. Er habe unter dem Titel „wir schulden den Arabern gar nichts“ im
Sunday Express unter anderem geschrieben, ausser Erdöl, das vom Westen
entdeckt, produziert und bezahlt werde, Araber der [heutigen] Welt gar
nichts wesentliches gegeben haben. Wofür, fragt er, erwarten sie, das wir
sie bewundern? Dafür, dass sie am 11. September 3000 Zivilisten umgebracht
hätten und dies dann auf den Strassen mit Tanz feierten? Das wir wie als
Selbstmordbomber, Gliederabschneider und als Unterdrücker der Frauen
feiern. Dicke Post, so was inopportunes darf man nicht sagen. Die BBC hat
ihn daraufhin gefeuert. Die britischen Muslime sind betupft und bereiten
gerichtliche Schritte gegen ihn vor. Kilroy ist nun der Rassist der Woche
und wird beschimpft.
Anders ist die Reaktion von Ibrahim Nawar, Vorsitzender einer arabischen
Organisation in London, die für persönliche Ausdruckfreiheit in der
arabischen Welt einsetzt. Nawar schreibt unter anderem folgendes (selbstübersetzt):
* Ich unterstütze Robert Kilroy-Silk und begrüsse ihn als Anwalt der
Meinungsfreiheit.
* Ich bin mit vielem was er über arabische Regime sagt, einverstanden. Es
gibt eine lange Liste der Unterdrückung, besonders in folgenden Ländern:
Iran, Irak, Algerien, Ägypten, Libyen, Jemen, Saudiarabien, sowie Sudan
und Tunis.
* Er ist mit Kilroy’s Kommentar über die Unterdrückung der Frau völlig
einverstanden. Frauen in Saudiarabien dürfen nicht allein auf der Strasse
gehen oder gar ein Auto lenken. Ich denke, es gäbe eigentlich schlimmere
Beispiele.
* Den Hinauswurf Kilroys aus der BBC verurteilt Nawar scharf. In
arabischen Ländern ist eine starke Pressezensur zu finden. Redakteure
bangen um ihre Existenz, wenn nicht um ihr Leben, und nun gehe die BBC mit
schlechtem Beispiel voran, statt den totalitären arabischen Staaten, die
täglich die Meinungsfreiheit unterdrücken, ein Beispiel zu setzen. .Dieser
Fall Robert Kilroy-Silk ist ein Musterbeispiel angewendeter politischer
Korrektheit, die konsequent zur Unterdrückung der Meinungsfreiheit führt
und deswegen Menschen die Existenz kosten kann. Was Kilroy sagte, mag
verallgemeinernd klingen, ist weder neu noch originell und passt mir auch
nicht in jeden Detail. Doch seine Aussage und die Reaktion darauf erinnert
fatal an den bekannten offenen Brief von Frank Lübke, vor nicht allzu
langer Zeit in der Schweiz. Nur, Schützenhilfe von arabischer Seite
erhielt Lübke keine. |
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Paul Uri Russak, 66,
gebürtiger Schweizer, schreibt sein vor allem an jüdische und christliche
Freunde gerichtetes Tagebuch seit September 2000. Er wohnt im Weindorf
Zichron Ya'akov am südlichen Ende des Carmelberges, nahe am Meer. Uri ist
gelernter Verlagsbuchhändler, heute pensioniert.
Wie vielen Israelis aus dem politisch linken Spektrum hat sich seine
Einstellung durch die Realität der Ereignisse der letzten drei Jahre etwas
nach rechts verschoben, auch wenn sie sich noch immer links der Mitte
befindet. Uri betätigt sich heute als Publizist in deutscher und
englischer Sprache und setzt sich aktiv für die Verbesserung des
zwischenmenschlichen und politischen Verhältnisses zwischen jüdischen und
arabischen Bürgern Israels ein.
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